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Beruf aus Leidenschaft: Servicefacharbeiter für Windkraftanlagen

11 Uhr Vormittags, Neumarkt in der Oberpfalz, Bayern. Michael Körner und Timo Holub kehren zurück ins Hauptquartier von Max Bögl, einem der größten deutschen privaten Bauunternehmen. Die beiden kommen von einer Windkraftanlage (WKA) im 30 Kilometer entfernten Ursensollen, die sie in der Früh gewartet haben. Heute haben sie in Firmennähe gearbeitet, so dass noch Zeit bleibt, um von ihrem Job als Servicefacharbeiter für Windkraftanlagen zu erzählen. Meist sind sie die ganze Woche unterwegs quer durch die Republik – um auf bis zu 143 Meter hohe Windkraftanlagen zu klettern und sie zu warten.

25 Februar 2016

Energie und Netze

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

Michael und Timo, was genau ist Euer Job auf den Windkraftanlagen?

Michael: Wir rücken aus, wenn an einem Hybridturm oder Stahlturm kleinere Mängel oder Verschleiß entdeckt werden und beseitigen sie. Der „Hybridturm Max Bögl“ ist eine Entwicklung von Max Bögl, bei der der untere Teil der Windkraftanlage aus Beton, der obere aus Stahl besteht. Die konkreten Jobs sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Kosmetikarbeiten im Betonbereich über Schlosserarbeiten bis hin zu Versuchsaufbauten und Kontrollmessungen. Heut früh waren wir zum Beispiel gar nicht in der Höhe, sondern haben im Fundamentkeller einer WKA Wartungsarbeiten durchgeführt.

Timo: Zudem sind wir für die so genannten Nacharbeiten zuständig. Das heißt, wenn Max Bögl einen Hybridturm errichtet hat, nimmt unser Kunde die Leistung bei einer Abnahmebegehung ab. Sollte er dabei Änderungswünsche haben, dann rüsten wir die Anlage entsprechend nach.

Das heißt ihr seid nicht direkt am Bau der Windkraftanlagen beteiligt?

Michael: Nein, wir sind quasi der Schritt danach. Früher, vor unserem Job als Servicefacharbeiter, haben wir aber beide auch als Monteure im Bau der Windkraftanlagen gearbeitet. Wir waren fast von Anfang an dabei, als Max Bögl in dieses neue Geschäftsfeld eingestiegen ist. Ich habe zum Beispiel anderthalb Jahre lang selbst Hybridtürme montiert. Dabei steht man auf einer Arbeitsplattform im Innern der WKA und setzt riesige Halbringe aus Beton aufeinander. Jetzt ist unser Job abwechslungsreicher: Mal arbeiten wir oben im Stahlturm, mal im Innern des Hybridturms und mal machen wir Außenarbeiten.

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

Wie kam es zu dem Schritt, Servicefacharbeiter für Windkraftanlagen zu werden? 

Michael: Wir haben uns aus der Montage heraus weiterentwickelt. Wir haben dort einen guten Job gemacht und kannten uns mit den unterschiedlichen Turmarten aus, weil wir fast von Anfang an dabei waren. So wurden wir ausgewählt und gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, zukünftig Nach- und Industriekletterarbeiten zu übernehmen.

Timo: Dazu kommt, dass wir auch gezielt auf diesen neuen Job hin gearbeitet haben. Wir haben auf eigene Faust die Ausbildung zum Seilzugangstechniker, Fisat Level I, gemacht. Im kommenden Frühjahr machen wir dann im Auftrag von Max Bögl auch Fisat Level II. Wir hoffen dann in noch anspruchsvollere Kletterjobs hineinzuwachsen.

Wie viele Servicefacharbeiter für Hybridtürme gibt es denn bei Max Bögl?

Timo: Kaum zu glauben bei 6.000 Mitarbeitern: Nur uns zwei. Unser neuer Job war auch für Max Bögl Neuland. Dazu muss man wissen, dass Max Bögl erst seit rund 5 Jahren WKA baut. Im Jahr 2014 hat Max Bögl rund 300 Hybridtürme errichtet, 2015 waren es bereits etwa 400 und in 2016 sollen es noch einmal mehr werden. Nur einen kleinen Teil davon betreibt Max Bögl allerdings selbst, so dass auch Servicefachkräfte benötigt werden. Zudem arbeitet Max Bögl auf dem Gebiet der Seilzugangstechnik häufig mit externen Firmen zusammen.

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

Wie sieht euer Arbeitsalltag aus?

Michael: Im Grunde arbeiten wir immer als 2er-Team zusammen. Wir haben einen Transporter, quasi eine Werkstatt auf Rädern, der mit allem ausgestattet ist, was wir brauchen. Damit sind wir dann Woche für Woche vier bis fünf Tage von Windpark zu Windpark quer durch die Republik unterwegs. Etwa eine Woche im Voraus wissen wir, wo es in der nächsten Woche hingeht. Wir können und müssen uns auf sehr flexible Arbeitszeiten einstellen. Dies ist natürlich auch sehr verantwortungsvoll und beruht auf viel Vertrauen unserer Vorgesetzten.

Habt ihr schon gefährliche Momente erlebt?

Timo: Naja, so wirklich gefährliche Momente nicht. Dazu sind wir zu sehr auf Sicherheit bedacht und haben deswegen auch einige zusätzliche Sicherheitsausbildungen absolviert. Einmal ist völlig unerwartet ein Gewitter aufgezogen, als wir oben auf der WKA waren. Da hat man da oben natürlich nichts verloren. Für solche Fälle haben wir einen dritten Mann am Boden, der einem nicht nur Werkzeug anreicht, sondern auch die Aufgabe hat, die Umgebung nach Gewittern zu checken, wenn wir im Turm sind. Wir sind dann sofort runter.

Michael: Wind spielt bei unserem Job natürlich auch eine Rolle. Eine Windkraftanlage kann bei starkem Wind in 140Meter Höhe schon mal bis zu eineinhalb Meter schwanken! Es liegt auch in unserer Verantwortung eventuelle Gefährdungen einzuschätzen und notfalls die Arbeiten abzubrechen. 

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

Könntet ihr Euch vorstellen, den Job Euer Leben lang zu machen?

Michael: Ja, für mich ist der Job genial! Weil einfach kein Auftrag wie der andere ist und jeder Tag neue Herausforderungen hat.

Timo: Ehrlich gesagt, wahrscheinlich eher nicht. Von der körperlichen Belastung wärs schon machbar. Aber für mich ist das ständige Reisen auf Dauer glaub ich nichts. Wir sind schon wenig zuhause bei unseren Familien.

Was war der nervigste Job, den ihr je hattet?

Michael: Nervig beziehungsweise anstrengend wird der Job zum Beispiel dann, wenn der Aufzug im Turm nicht funktioniert. Ein Aufstieg in die Gondel sind gleich mal 100-150 Höhenmeter. Am Tag können da schon mal 400-500 Höhenmeter zusammenkommen. Und wenn man dann noch was unten vergisst, ist das ein Gratis-Sportprogramm.  

Und der coolste Job?

Timo: Hmm, es gibt sehr viele schöne Momente. Wunderschön ist es zum Beispiel, wenn unten der Bodennebel hängt und wir oben aus der Windkraftanlage auf die Gondel treten und über dem Nebelmeer in der Sonne arbeiten.

Michael: Sehr cool war auch der Job, bei dem wir unter Anleitung außen an der WKA aus 143m Höhe auf 40m abgeseilt sind, um dort zu dokumentieren, ob die Lüftungsgitter ordnungsgemäß eingebaut sind. Da draußen so weit über dem Boden zu hängen und zu arbeiten ist schon genial. 

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

Vielen Dank für das Interview!

 

Portrait: Michael Körner

Michael (27 Jahre) ist Servicefacharbeiter für Windkraftanlagen bei Max Bögl. Ursprünglich hat er eine Ausbildung zum Fliesenleger gemacht. Schon zu dieser Zeit entdeckte er das Sportklettern als Hobby für sich und der Wunsch keimte auf, Hobby und Beruf zukünftig einmal zu verbinden. Anschließend arbeitete er – bereits zusammen mit Timo – in der Turmmontage von Windkraftanlagen bei Max Bögl. Um dem beruflichen Klettern einen Schritt näher zu kommen, machte er auf eigene Kosten eine Ausbildung zum Seilzugangstechniker (Fisat Level I). Nach rund anderthalb Jahren in der Turmmontage dann der Schritt zum Traumjob: Timo und Michael wurden zu den ersten beiden Servicefacharbeitern für Hybridtürme bei Max Bögl befördert. 

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

 

Portrait: Timo Holub

Timo (26 Jahre) ist wie Michael als Servicefacharbeiter für Windkraftanlagen bei Max Bögl tätig. Der gelernte Maurer hat früh schon nebenher als Baumpfleger gearbeitet. Vor allem im Bereich der Spezialbaumfällung war er tätig. Zu Max Bögl kam er vor rund fünf Jahren. Zuerst nur kurzzeitig, denn bald folgte eine anderthalbjährige Weltreise, die ihn unter anderem nach Afrika brachte, wo er als Freiwilliger in einem Waisenhaus in Tansania arbeitete. Tief beeindruckt gründete er zurück in Deutschland den Verein „Lachende Kinder Tansania e.V.“, mit dem er seitdem Spenden für das Waisenhaus sammelt. Inzwischen ist er seit rund zwei Jahren zurück bei Max Bögl und bildet ein festes Team zusammen mit Michael Körner.

www.lakita.info

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

 

Sicherheitsingenieur Michael Weichselgartner im Portrait

Maw Bögl © PETZL/Lafouche

 

Michael Weichselgartner (25) ist Sicherheitsingenieur mit dem Spezialgebiet Windkraft bei Max Bögl. Der studierte Bauingenieur hat bereits an der Uni die Zusatzausbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit oben drauf gesetzt. Nun ist er für die Sicherheit in den Windparks von Max Bögl verantwortlich. Rund 50 Prozent seiner Arbeitszeit ist er deutschlandweit auf den Baustellen unterwegs, um den Projektleiter in Fragen der Arbeitssicherheit zu beraten und vor Ort zu überprüfen, ob die Vorgaben des Rettungskonzepts eingehalten werden.

Aufgabe der 16 Sicherheitsingenieure bei Max Bögl ist es, dafür zu sorgen, dass auf den Baustellen stets die entsprechenden staatlichen und berufsgenossenschaftlichen Vorschriften eingehalten werden. Zu diesem Zweck erstellt ein Sicherheitsingenieur eine so genannte Gefährdungsbeurteilung eines bestimmten Arbeitsplatzes. Anschließend werden Schutzmaßnahmen gegen die ermittelten Gefahren getroffen.

Ein Windpark darf etwa nur mit Sicherheitsschuhen, Helm und Warnweste betreten werden. Weitere PSA wie Gehörschutz, Brille und PSA gegen Absturz müssen je nach Einsatzbereich verwendet werden.

 

Interview mit Knut Foppe, Technical Representative bei Petzl

Knut Foppe ist Ausbilder und Sachverständiger für seilunterstützte Zugangs- und Rettungsverfahren – und Technical Representative bei Petzl Deutschland. Er hat das Sicherheitskonzept für die Hybridtürme von Max Bögl entwickelt.

Knut, was genau beinhaltet ein „Sicherheitskonzept für Windkraftanlagen“?

In einem ersten Schritt nehme ich eine spezifische Gefährungsermittlung und Risikobewertung für den Arbeitsplatz vor. Darauf aufbauend kann ich dann das Sicherheitskonzept entwickeln. Das Konzept beinhaltet drei Punkte: 

  • Die Auswahl der passenden Ausrüstung für die Monteure der Windkraftanlagen - in diesem Fall der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz. 
  • Zudem die Ausbildung der Monteure in der Anwendung der PSA gegen Absturz
  • Und die Entwicklung eines Rettungskonzepts für den Fall, dass jemandem etwas zustößt.

Windkraftanlagen auf Basis von Hybridtürmen sind ja eine Entwicklung von Max Bögl. Folglich gab es anfangs auch kein Sicherheitskonzept, das man einfach aus der Schublade ziehen konnte. Deswegen wurde ich damit beauftragt, ein Konzept für die Ausbildung der in diesem Bereich beschäftigten Max Bögl Mitarbeiter sowie spezielle Rettungsverfahren zu entwickeln. Heutzutage arbeiten bei Max Bögl rund 200 Monteure in der Montage von Windkraftanlagen, die alle im Umgang mit ihrer PSAgA und in den Rettungsverfahren geschult werden müssen. Häufig sind sie gelernte Beton- und Stahlbetonbauer.

Max Bögl © PETZL/Lafouche

Was kann man sich unter dem Rettungskonzept vorstellen?

Beim Bau der Hybridtürme werden riesige, halbkreisförmige Betonelemente per Kran aufeinandergesetzt. Monteure im Innern des Turms sorgen dafür, dass sie exakt mit dem darunterliegenden Element abschließen. Die Monteure stehen dabei in großer Höhe auf einer Arbeitsplattform im Innern der Windkraftanlage. Die Arbeitsplattform wird vom Kran in den Turm eingehängt.

In bestimmten Phasen der Montage gibt es keinen Ausgang per Leiter nach unten. Falls der Kran einmal ausfallen sollte, kommt die organisierte Rettung wie die Feuerwehr nicht zum Korb. Ihre Evakuierung und Rettung gewährleisten die Monteure deswegen selbst per Abseilen mit ihrer Rettungsausrüstung.

Hinzu kommt die Rettung handlungsunfähiger Kollegen. Sollte sich jemand verletzten, zum Beispiel von der Arbeitsplattform fallen und in seiner PSA gegen Absturz hängen, oder ohnmächtig werden, müssen seine Kollegen in der Lage sein, ihn zu bergen und auf den sicheren Boden zurückzubringen. Dazu haben sie jeweils zu zweit ein Rettungsset, das unter anderem aus dem Petzl Jag System besteht. 

Welche Ausbildung absolvieren die WKA-Monteure bei Max Bögl?

Um in der Montage von Windkraftanlagen tätig werden zu können, absolvieren sie eine zweitägige Grundausbildung bei mir. Dabei lernen sie die PSAgA richtig anzuwenden, sich abzuseilen und was bei der Rettung handlungsunfähiger Personen zu tun ist. Anschließend müssen sie die Inhalte alle 12 Monate bei einem eintägigen Training auffrischen. Um überhaupt an der Grundausbildung teilnehmen zu dürfen, müssen sie eine Gesundheitsprüfung und einen aktuellen Ersthelferschein vorweisen können.

Lassen sich Wirtschaftlichkeit und Sicherheit auf einer Baustelle eigentlich vereinbaren?

Ja, sie sind kein Widerspruch in sich. Aber nur wenn man der Sicherheit die Priorität gibt, kann man letztlicht vor dem Hintergrund der Konsequenzen von Unfällen wirtschaftlich arbeiten. Dies gilt insbesondere für Bereiche mit so einem hohen Risiko wie Höhenarbeiten.

Wichtig in dem Zusammenhang ist, dass Sicherheit in der Höhe nicht als Problem angesehen wird. Um das zu erreichen, müssen die Lösungen und Ausrüstungen funktional, kompakt und ergonomisch sein. Und vor allem auch in Stresssituationen sicher und effektiv einsetzbar sein.

Max Bögl © PETZL/Lafouche

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