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Ultra Royale: die komplette Überschreitung des Mont-Blanc-Massivs

Die Nord-Süd-Überschreitung eines der schönsten Alpenmassive nonstop per Ski ist ein wunderbarer Traum mit schwindelerregenden Zahlen: 89 Kilometer und 6800 positive Höhenmeter. Die komplette Überschreitung des Mont-Blanc per Ski wurde erstmals im vergangenen Frühjahr von zwei Skibergsteigern in zweiunddreißig Stunden nonstop realisiert. Hut ab vor Colin Haley und Ben Tibbetts, die von ihrer einzigartigen Reise im Herzen des Mont-Blanc berichten.

22 November 2018

Skitourengehen

© Ben Tibbetts

„Ich bin zwar nicht in den Alpen geboren, aber ich betrachte mich als Skialpinist.“ Ben Tibbetts hat bereits an mehreren Pierra Menta, die zu den härtesten Wettkämpfen im Skibergsteigen zählen, teilgenommen. Hat die berühmte Chamonix-Zermatt-Tour in weniger als 24 Stunden versucht. Der Bergführer und Berufsfotograf Ben Tibbetts verbringt viel Zeit mit dem Studieren von Karten und Wettervorhersagen. Aber um ein so verrücktes Projekt wie die Überschreitung des Mont-Blanc-Massivs in einem „single push“ zum Erfolg zu führen, braucht es noch etwas mehr. 

Ein kurzer Rückblick. Das Frühjahr 2013 ist ziemlich nass, die Berge sind mit Neuschnee bedeckt. Die Idee der großen Überschreitung nimmt Gestalt an. 

„Meine Freunde Misha Gopaul, Ally Swinton und ich beschlossen, trotz des engen Zeitfensters den Versuch zu wagen.“

Während des Aufstiegs der drei Freunde am Ostgrat der Aiguille de Bionnassay löst sich ein Schneebrett unter den Füßen von Ally Swinton. Er verschwindet am Hang und steht nach einem Sturz von 600 Metern praktisch unverletzt wieder auf. Dieses Glück hatte Stéphane Brosse ein Jahr zuvor bei seinem Versuch, zusammen mit Kilian Jornet die berühmte Überschreitung des Mont-Blanc-Massivs per Ski zu meistern, leider nicht. 

Ben Tibbetts lässt einige Zeit verstreichen, bevor er sich erneut mit diesem Projekt befasst. Im Herbst ruft er Colin Haley an. Diskutiert mit ihm die Optionen. Über die Idee, die Überschreitung über die Nord-Süd-Route und nicht wie bei früheren Versuchen über die Süd-Nord-Route in Angriff zu nehmen. 

„Ich hatte den Film A Fine Line von Montaz-Rosset gesehen, der den tragischen Versuch von Kilian Jornet und Stéphane Brosse erzählt“ sagt Colin Haley. „Ich war in Patagonien, als Ben mir den Vorschlag machte. Ich war sofort einverstanden ohne sicher zu sein, ob der Versuch aufgrund der Schwierigkeit, die geeigneten Bedingungen zu finden, durchführbar war.“

Ben erklärt: „Ich wollte kein Risiko eingehen. Wir brauchten drei Tage gutes Wetter, eine tiefe Nullgradgrenze und Windstille. Mit anderen Worten, ein sehr schwer zu findendes Wetterfenster!“ 

Bevor Colin Haley seine Leidenschaft für den Alpinismus entdeckte, war er lange Zeit ein passionierter Skifahrer und liebte das Abenteuer. „Aufgrund meiner „Patagonien-Sucht“ beginnt meine Skisaison in den letzten Jahren nie vor Mitte März“, meint Colin scherzend. 

© Ben Tibbetts

Damit das Projekt gelingen kann, müssen die Bedingungen an den beiden Schlüsselstellen, dem Col des Cristaux beim Aufstieg und dem Bionnassay-Grat bei der Abfahrt, stimmen.

„Colin Haley und ich brachen am 21. April 2018 um Mitternacht in Champex auf und erreichten den Col du Chardonnet um 4 Uhr morgens. Sébastien Montaz Rosset schloss sich uns für den Aufstieg zum Col des Cristaux an einer langen, 50° steilen Flanke an. Beim Aufstieg der Vallée Blanche bis zum Col du Midi überfiel uns während dieses langen Vormittags die Müdigkeit.“

Trotz der leckeren Pizza (!) mitgebracht von Vivian Bruchez, der von der Aiguille du Midi Bahn aus zu ihnen kommt, ist die Seilschaft ziemlich angeschlagen und der Aufstieg zum Mont-Blanc über die Trois Monts wird zu einem wahren Leidensweg. 

„Colins Füße schmerzten und er wollte anhalten. Aber es war nicht schwer, ihn zum Weitergehen zu motivieren! Ich selbst war völlig ausgebrannt, als wir kurz vor Sonnenuntergang den Gipfel des Mont-Blanc erreichten,“ gesteht Ben Tibbetts. 

Für Colin war es eine enorme Herausforderung, aber er ist daran gewöhnt. 

„Extreme Ausdauer zählt zu meinen Stärken. Da ich vor dieser Tour über einen Monat lang nicht Ski gefahren bin, war ich nicht in der Lage, ein Wettkampftempo vorzulegen, aber ein gemäßigtes Tempo über einen sehr langen Zeitraum ist für mich genau das Richtige. Ich kann mich noch gut an meine erste Bergtour von über 24 Stunden erinnern: Wir waren den Nordgrat des Mount Stuart (Kaskadenkette, USA) geklettert und oben angekommen war ich vollkommen erledigt. Aber inzwischen habe ich wahrscheinlich mehr als 60 Tage von über 24 Stunden nonstop hinter mir und bin daran gewöhnt. Ich denke, der Körper stellt sich erstaunlich gut darauf ein, und nach dreißig Stunden ununterbrochener Anstrengung fühle ich mich noch völlig klar und normal", erklärt Colin Haley.

Aber die Abfahrt des Mont-Blanc und der lange Grat bei der Rückkehr waren kein Zuckerschlecken.

„Es war schwierig konzentriert zu bleiben und wir hatten noch die schwierige Abfahrt über die Bionnassay vor uns. Ich hatte Halluzinationen. Ich sah die Dômes de Miage vor mir, aber sie schienen schier unerreichbar zu sein.“ 

Die Durier-Hütte und der Kräutertee, den sie dort bekommen, sind eine echte Erlösung. Es ist drei Uhr morgens, die beiden Männer sind vor siebenundzwanzig Stunden in Champex, am anderen Ende des Massivs, aufgebrochen. Schließlich kommen sie am 22. April um acht Uhr morgens in Les Contamines-Montjoie an, nachdem sie zweiunddreißig Stunden bis auf den letzten Tropfen Energie alles aus sich herausgeholt haben, um es zu schaffen. Und um den von so vielen Skibergsteigern geteilten Traum der Nonstop-Überschreitung des Mont-Blanc-Massivs per Ski zu verwirklichen.

„Ich habe diese Geschichte beendet. Damit möchte ich auch Stéphane Brosse meine Ehre erweisen. Er war eine große Inspiration für uns. Ich kann diese Massiv-Überschreitung nur empfehlen und rate allen, sich Zeit zum Schlafen zu nehmen und für diesen wunderbaren Traum eines Skibergsteigers vier bis sechs Tage einzuplanen.“

© Ben Tibbetts

Zeitplan

21. April 2018.

  • Aufbruch in Champex um Mitternacht.
  • Fenêtre de Saleinaz um 3 Uhr.
  • Col du Chardonnet um 4 Uhr.
  • Col des Cristaux um 7 Uhr.
  • Unterer Teil des Vallée Blanche um 9 Uhr.
  • Col du Midi um 12 Uhr.
  • Mont-Blanc um 19 Uhr.
  • Aiguille de Bionnassay um 22.30 Uhr.
  • Durier-Hütte um 3 Uhr.
  • Dômes de Miage um 4 Uhr.

Ankunft in Les Contamines-Montjoie am 22. April um 8 Uhr.

© Ben Tibbetts

Verwendete Ausrüstung

© Ben Tibbetts

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