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Eis - spektakulär und doch vergänglich

Seine Leidenschaft fürs Eisklettern zu Hause ausleben zu können ist ein echter Glücksfall! Fabian Buhl, bekannt für seine Leistungen beim Bouldern und Klettern von Mehrseillängenrouten, erzählt von seinem Glück, direkt hinter seinem Zuhause einen Eisfall zu klettern, der sich nur sehr selten bildet. Es geht um den Seebenseefall in der Nähe der Ortschaft Ehrwald im österreichischen Tirol.

20 Januar 2020

Eisklettern

Carpe diem, Chancen nutzen

“2019 war wieder ein super Winter mit guten Eisbedingungen. In den Bergen in meiner Umgebung war, abgesehen von der ungewöhnlichen Art, wie das Wasser im Seebenseefall strömte, alles wie immer. Die Bedingungen für die einfache klassische Tour waren nicht gegeben. Dafür bildete sich mit Fortschreiten des Winters allmählich ein Eisvorhang. Dieser wies vor Ende der Saison ideale Bedingungen auf, was ebenfalls auf den Stalaktiten im linken Wandbereich zutraf. Da der Seebenseefall nur sehr selten gefriert, zählt er zu den schönsten Naturphänomenen der Gegend.

Am Vorabend kletterte ich in Begleitung des Bergsteigers und Extremkletterers Alexander Huber die klassische Route. Wir beschlossen wiederzukommen und beim nächsten Mal die direkte Linie über den Stalaktiten zu klettern. Die Versuchung war einfach zu groß...

Ich liebe alle Spielarten des Kletterns, angefangen vom Bouldern bis hin zum Mehrseillängen-Klettern. Aber für eine derart reizvolle Eislinie bin ich bereit, auf alles andere zu verzichten. Verglichen mit anderen Kletteraktivitäten ist das Eisklettern nur während einer kurzen Zeit im Jahr möglich. Einige Linien sind sogar nur alle zehn Jahre zugänglich. Wenn solch eine vergängliche Route die passenden Bedingungen aufweist, darfst du nicht lange zögern, um die Gelegenheit nicht zu verpassen. Das Eis ist erbarmungslos: an einem Tag in perfektem Zustand und am Tag darauf unbegehbar.

Das Prinzip des Eisfalls ist an sich schon vollkommen absurd. Wasser, das über eine Felswand herabfließt, gefriert, wenn die Temperatur unter null Grad sinkt. Im Gegensatz zu anderen Spielarten des Klettersports kommt es beim Eisklettern darauf an, beide Eisgeräte und Steigeisen richtig ins Eis zu schlagen. Die Meinungen bezüglich des Eiskletterns sind unterschiedlich, aber wenn es darum geht, sich an derart zerbrechliche Strukturen zu wagen, benötigt man schon ein gewisses Feingefühl. Ich persönlich finde, dass das technische Klettern am Fels sehr viel mehr Feingefühl erfordert als das Einschlagen der Geräte ins Eis. Außerdem stehen die bloße Kraft und die eher brutale Technik, die in einem Eisfall angewendet werden, im krassen Gegensatz zu der am Fels erforderlichen Präzision. Aber alles, was anders ist, bringt Abwechslung und ich liebe es, innerhalb eines Kletterjahres unterschiedliche Disziplinen auszuprobieren. Das Eisklettern ist ein Sport für sich und nach einer gelungenen Tour fühle ich mich immer super.

Klettern und dabei den Durchblick behalten und rational bleiben

Um die sich bietende Gelegenheit nicht zu verpassen, beschlossen wir, motivierter denn je, zum Eisfall zurückzukehren, um dieses vergängliche, sich so selten bildende Eisgebilde zu besteigen. Da wir die unteren Längen am Vortag bereits geklettert waren, kamen wir im ersten Abschnitt recht schnell voran. Das Eis in der folgenden Länge war in schlechtem Zustand und wir mussten an einem geschützten Vorsprung einen Standplatz einrichten, um den Stalaktiten besser beobachten zu können.

Nachdem wir die Situation analysiert und besprochen haben, beginne ich zu klettern, wobei ich den Verlauf meiner Route mit Bedacht auswähle. Als ich sicher bin, dass die Struktur mein Gewicht trägt, ist alles nur noch pures Vergnügen. Was für ein Glück, dass wir diese Variante mit der guten Eisqualität gefunden haben! Ich setze eine neue Eisschraube und plane den weiteren Verlauf. Die bereits begangene, aber bisher noch nie frei gekletterte Linie verlässt die klassische Seebenseefall-Route, quert eine Platte, bevor sie diesen unglaublichen, zerbrechlichen und vergänglichen Stalaktiten erreicht.

Ascension of the stalactite

Eine technisch anspruchsvolle und zugleich wunderschöne Route

Dieser Abschnitt im Mixedgelände folgt einem üblen Riss, in dem wir die Hauen der Eisgeräte verkeilen müssen, damit sie halten, und darauf hoffen, dass die Haken im Falle eines Sturzes nicht ausreißen. Schließlich erreichen wir den oberen Teil des Wasserfalls. Hier ist das Eis ziemlich dick und haftet am Fels. Es gibt uns das nötige Vertrauen, um uns an den Stalaktiten zu wagen. Der herrliche Blick auf das Amphitheater des Seebenseefall macht die Besteigung unseres Stalaktiten noch grandioser. Der Aufstieg ist ziemlich furchterregend. Der Durchmesser ist so klein, dass man den Eindruck hat, den Stalaktiten zu umarmen.

Nachdem wir einen zweiten Tag damit verbracht haben, diese fantastische Linie zu klettern, beginnen die Temperaturen zu steigen, und für den nächsten Tag ist Föhn angesagt. Das macht einen erneuten Aufstieg in dieser Route sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, da er obere Teil bereits zerstört ist. Was für ein Glück, dass wir im richtigen Moment davon profitieren konnten!”

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