Eine unglaubliche Kante, mitten in den Anden, mit einer Landschaft im Hintergrund, die fast unwirklich aussah.
Arlo war beim Anblick dieser Kante kaum mehr zu halten – und dementsprechend sofort an Bord. Wir begannen, Informationen über das Gebiet zu sammeln. Nach einigen Monaten nahm der Plan Gestalt an: eine Expedition nach Pitumarca, mit dem Ziel, neue Kletterrouten zu erschließen.

Charlotte an der Kante – die ursprüngliche Inspiration
Von Anfang an war jedoch klar, dass ein Unterfangen dieser Größe kaum als Duo zu bewältigen sein würde. Und jedes gute Abenteuer braucht schließlich eine Gruppe von Gefährten.
Gesagt, getan. Nach einigen Monaten stand das Team fest: Josh und Alex kamen als britische Unterstützung für Arlo hinzu, während mich Malte begleitete, der gleichzeitig für die Dokumentation verantwortlich war.
Aufbruch nach Peru
Nach langer Planung und minutiöser Vorbereitung begaben wir uns schließlich auf die lange und strapaziöse Reise gen Westen. Einen Ozean und etliche Stunden des Wartens auf Flughäfen später erreichten wir Cusco.

Malte und ich am Münchner Flughafen. Keiner weiß, dass meine Tasche hundert Bolts enthält!
Die ehemalige Hauptstadt der Inka ist nicht nur ein touristischer Hotspot, sondern auch ein essenzieller Zwischenstopp, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Der plötzliche Anstieg auf rund 3.500 Meter macht die ersten Tage zu einem echten Schnauftest.

Abende im Hostel etwas außerhalb von Cusco
Nachdem wir die von Wikipedia empfohlenen 24 Stunden ruhigen Verhaltens in der neu gewonnenen Höhe überstanden hatten, begann das altbekannte Jucken unter den Fingernägeln. Die Truppe hatte lange genug ohne Griffe in den Händen verbracht und wollte endlich los. Hoch hinauf. Endlich ins Gebiet.
Hoch hinauf? Noch höher?
Ja. Pitumarca – oder wohl eher Chacco-Huayllasca – liegt mit seinem Basislager auf rund 4.200 Metern über dem Meeresspiegel.
Je näher wir diesen schwindelerregenden Höhen kamen, desto größer wurde die Spannung. Wie würde das Klettern sein? Würden wir den Sauerstoffmangel spüren? Dazu kamen logistische Fragen: Wasserversorgung, Nahrungsmittel, Schlafsituation?
All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich gleichzeitig versuchte, meinen Mageninhalt nicht im Bus zu verteilen, der uns in den nächsten vier Stunden von Cusco nach Pitumarca bringen sollte.

Ankunft in Pitumarca
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffneten sich die Türen unseres letzten Taxis.
Ich konnte kaum glauben, was sich vor mir auftat.
Fels. Fels. Und noch mehr Fels, soweit das Auge reicht.
Hohe Wände türmen sich auf beiden Seiten des Tals auf und bilden eine gewaltige Schlucht rund um unser Lager – eine alte Schule der Einheimischen.

Ein Blick hoch hinauf, Fels soweit das Auge reicht.
Ich spüre sofort die erneut gewonnene Höhe. Jeder Schritt fordert ein wenig mehr Atem als noch zuvor.
Wikipedia empfiehlt auch hier mindestens eine Nacht, bevor man sich größerer Belastung aussetzt.
Die Wände um uns herum sind jedoch zu hoch, zu schön und zu zahlreich. Sie rufen nach uns.
Wir entscheiden uns gegen die Vernunft und starten noch am selben Tag unsere erste Erkundungsmission.

Skeptische Blicke und heiße Diskussion, wo soll die Linie lang?
Mehrere Stunden rennen wir die steilen Grashänge hinauf, um einen genaueren Blick auf die potenziellen Projekte zu erhaschen.
Eines ist klar: Von unten sieht der Fels großartig aus.
An diesem Abend gehe ich ins Bett und kann kaum schlafen.
Wie wird wohl die Zeit hier oben? Werden wir die Linie finden?
Die ersten Klettertage
Den ersten Klettertag verbringen wir im Hauptsektor Gran Desplomes. Wikipedia hatte wohl recht: Wandern in der Höhe – okay. Klettern jedoch ist etwas ganz anderes.
Nach einer Aufwärmtour wage ich mich in „Mas dura que mi polla“, 8a+, einen Klassiker des Sektors. Mit guter Beta ausgestattet, starte ich einen Flashversuch.
Atemnot und das Gefühl, als würde jemand meine Unterarme in einen Schraubstock klemmen sind die unmittelbare Folge.
Knapp gelingt der Durchstieg. Trotzdem bin ich froh: der erste Send des Trips.
Die erste Woche verbringen wir mit Wiederholungen und Versuchen an bereits eingebohrten Projekten. Nicht nur, um uns langsam an die Höhe zu gewöhnen, sondern auch, um ein Gefühl für die Bewertungen im Gebiet zu bekommen.
Der Sektor Gran Desplomes wird in dieser Zeit unser Zuhause.
Und wir können bereits einige harte Touren klettern – unter anderem die bis dato schwerste Route des Gebiets: „El powder de la cuzquena negra“, 8c.

Die letzte Leiste vor dem rettenden Abschlusshenkel in „El powder de la cuzquena negra“, 8c.
Das Jucken unter den Fingernägeln ist damit vorübergehend befriedigt. Die Abenteuerlust allerdings noch lange nicht:
Wir waren schließlich nicht umsonst mit Bohrmaschinen angereist.
Die Suche nach neuen Linien
Ein weiterer Scoutingtag und acht Stunden Wanderung später haben wir gefunden, wonach wir gesucht haben.
Rund 300 Meter über dem Basislager, nach einer steilen Geröllrinne, erhebt sich ein markanter Pfeiler. Und darauf: zwei unverkennbare Linien.

Sektor C: Rot = Coffee en Coco, Blau = Cancion del Cuy, Grün = Noch Projekt
Das ist es.
Wir laden die Bohrmaschinen ein und quälen uns den Hang hinauf. Nach zwei Stunden Zustieg und etlichen Gesprächen darüber, wie wir die Sache am besten angehen, hängen wir endlich zu dritt in der Wand.
Der Wind pfeift durch die Wand, Staub wirbelt um uns herum und unter unseren Füßen fällt der Fels steil in die Tiefe. Hinter uns breiten sich die peruanischen Anden aus.
Arlo bohrt die Kante, ich arbeite mich durch die Mitte und Josh kümmert sich um die Zustiegslänge bis zum Stand.
Zwei zehnstündige Arbeitstage dauert die Erschließung.
Coffee & Coco
Als Erstes nehmen wir uns die Kante vor. Sie wirkt etwas einfacher als die Linie durch die Mitte.
Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Sie wird nicht nur spektakulär aussehen, sondern wahrscheinlich die beste Route sein, die ich während des gesamten Trips klettern darf.
Wir alle kämpfen uns durch die Länge.
Nach drei Tagen haben wir es schließlich alle drei geschafft.
Wir geben der Route den Namen „Coffee & Coco“ und schlagen eine Bewertung von 8c vor.

Ordentlich Luft unter dem Hintern in der Schlüsselstelle von „Coffee en Coco“ , 8c FA.
Damit haben wir unsere erste gemeinsame Erstbegehung geschafft.
Und gleichzeitig wird uns klar, warum wir überhaupt hierhergekommen sind.
Die Mitte des Pfeilers
Nun ist die Linie durch die Mitte an der Reihe.
Auf den ersten Blick sieht sie gar nicht schlecht aus – und auch nicht besonders schwer. Während Arlo und Josh noch an der Kante arbeiten, entschlüssele ich bereits den oberen Teil der Route. Ich arbeite mich Stück für Stück nach unten.
Dann plötzlich: zwei Meter, ein schlechter Tufa, sonst nichts.
Ich ahne Schlimmes.
Vielleicht doch nicht so leicht?
Einen ganzen Tag brauche ich, um dieses Boulderproblem überhaupt zu entschlüsseln. Mein erster Eindruck: irgendwo im Bereich 8B.
Und nicht nur schwer – auch noch richtig tricky.
Zwei weitere Tage später habe ich die Bewegungen besser verstanden und meine eigene Beta gefunden. Einen Grad kann ich das Problem dadurch vermutlich entschärfen.
8A+.
Nicht gerade leicht. Aber immerhin etwas.
Inzwischen haben Arlo und Josh „Coffee & Coco“ ebenfalls abgehakt und können mir nun bei der zweiten Linie zur Seite stehen.
Die Tage vergehen. Die Versuche summieren sich. Immer wieder stehen wir vor demselben Boulder, probieren andere Bewegungen, diskutieren Beta und suchen nach einer Lösung.
Bis in die letzte Woche zieht sich das Projekt. Dann endlich: Ich komme durch den Boulder. Ein letzter Kampf durch den Ausstieg – und schließlich erreiche ich den Umlenker. Die Euphorie ist riesig. Doch erst jetzt wird uns langsam bewusst, was wir hier gerade erschlossen haben.
Die Route befindet sich auf rund 4.500 Metern über dem Meeresspiegel.
Wir beginnen, über die mögliche Bewertung zu diskutieren.
Am Ende steht die 9a im Raum. Eine 9a. Auf 4.500 Metern.
Damit ist die Route nicht nur die erste 9a in Peru, sondern auch die höchstgelegene 9a der Welt. Ich muss das erst einmal sacken lassen. Eine Route, die wir vor wenigen Wochen noch nicht einmal kannten, irgendwo in einer abgelegenen Wand über unserem kleinen Basislager, ist plötzlich eine der außergewöhnlichsten Sportkletterrouten der Welt.

Weite Blockierzüge in „There is always something” ,8c+ FA
Ein Team-Erfolg
Trotzdem halte ich mich mit der Euphorie zurück.
Arlo und Josh sind knapp dran, und jeder weitere Tag könnte auch ihr Tag sein.
Schon vor Beginn der Expedition hatten wir uns darauf geeinigt, dass wir unsere neuen Routen als Team-First-Ascent betrachten würden.
Das sorgte für eine besondere Gruppendynamik. Es gab keinen Kampf darum, wer als Erster oben ist. Jeder Erfolg eines Einzelnen war gleichzeitig ein Erfolg des gesamten Teams.
Deshalb fühlte ich mich auch nach meinem Durchstieg eher so, als hätte ich ein Drittel der Arbeit getan.
Von da an wanderte ich häufig nur noch nach oben, um zu filmen, zu sichern und die anderen beiden zu unterstützen.
Und lange ließen sich Arlo und Josh tatsächlich nicht bitten.
In der letzten Woche konnten beide die Route ebenfalls abhaken.
Ich durfte das Ganze filmen und hautnah miterleben.
Eine Erinnerung, die ich noch lange behalten werde.
Drei Leute, drei unterschiedliche Prozesse, unzählige Versuche – und am Ende eine gemeinsame 9a auf 4.500 Metern.
Genau dafür waren wir gekommen.
Der Ruf des Meerschweinchens
Wir taufen die Route auf „Cancion del Cuy“ – oder auch „Ruf des Meerschweinchens“.
Der Name erinnert an einen besonderen Abend bei einer lokalen Familie. Sie servierten uns nicht nur Meerschweinchen, Cuy, sondern zeigten uns anschließend auch noch ihre Farm im Hinterhof.
Ein Abend, den wir so schnell sicher nicht vergessen werden.
Und irgendwie passt der Name perfekt zu unserer Route.
Eine ungewöhnliche Geschichte braucht schließlich einen ungewöhnlichen Namen.
Abschied
Wie so oft bei großen und intensiven Projekten ist nach deren Abschluss erst einmal eine körperliche und emotionale Verschnaufpause willkommen.
Besser hätte es kaum laufen können: Eine Woche blieb noch bis zum Rückflug.
Ich nutzte die Gelegenheit, ein weiteres Gebiet im Süden Perus zu erkunden.
Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.
Zum Abschluss bleibt vor allem eines: Danke.
Danke an Petzl für die Unterstützung.
Und danke an die Locals, vor allem Cocor, ohne ihn wäre das Gebiet nie entdeckt worden. Und die Menschen, die uns Felsen gezeigt, Projekte geschenkt und uns in ihrem Gebiet willkommen geheißen haben.
Wir kamen, um neue Linien zu finden.
Wir gingen mit neuen Routen, neuen Freunden und Erinnerungen, die bleiben werden.
Und mit einer 9a auf 4.500 Metern, die bis heute die höchstgelegene 9a der Welt ist.
Ich komme zurück.

Laktatkampf auf den letzten metern von „Coffee en Coco“, 8c FA

Der letzte Sprung in „Reach for the sheep“, 8c FA
Text: Malik Schirawski