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Die Vermessung der größten Bäume der Welt

Gespräch mit Laurent Pierron und Jérémie Thomas, Gründer des Vereins "EnQuête d’Arbres" anlässlich ihrer letzten Reise nach Tasmanien im Jahr 2016, um einige der größten Bäume der Welt zu vermessen.

1 Juni 2017

Baumpflege

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Blick auf den Wald von der Krone des Centurion,  dem mit 99,6 Metern höchsten bekannten Riesen-Ekalyptusbaum der Welt

 

Was hat euch zu diesem außergewöhnlichen Projekt bewogen?

"Am Anfang stand die etwas verrückte Idee, auf die größten Bäume unseres Planeten zu klettern und sie zu vermessen. Dann lernten Jérémie Thomas und ich uns kennen und wir beschlossen, unsere Kompetenzen, unser Know-how und unsere persönlichen Fähigkeiten gemeinsam zu nutzen. Angesichts der Vielfalt der Bäume in Ländern mit sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen boten sich zahlreiche Projekte an. Jede Expedition ist eine neue Entdeckung. Das Klettern auf sehr hohe Bäume erfordert großen körperlichen Einsatz und viel Umsicht. Wenn wir uns in unerschlossenen Gebieten bewegen, um zu den Bäumen zu gelangen, treffen wir auf Tiere und Pflanzen, die mitunter sehr unangenehm sein können (Schlangen, Spinnen, Blutegel usw.), ganz zu schweigen von den teilweise extremen klimatischen Bedingungen. Es bestehen viele Ähnlichkeiten zwischen dieser Art von Expedition und dem Bergsteigen: Man ist auf sich allein gestellt, von der Welt abgeschieden, dazu kommt die Einsamkeit, die Organisation der Ausrüstung und die Fortbewegung im Wald. Die meiste Zeit verbringen wir nicht mit dem Klettern, sondern damit, zu den Bäumen zu gelangen."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Abstieg vom White Knights

 

Haben Bäume auch ihre "Seven Summits"?

"Wir schätzen die Symbolik der „Seven Summits“, der höchsten Berge der Kontinente, und hoffen, dies auch für die Bäume realisieren zu können. Das wurde bisher noch von niemandem gemacht. Damit haben wir ein Ziel, eine Art Fahrplan. Und im Gegensatz zu den Bergen können sich die "Seven Summits" der Bäume durch die Entdeckung neuer, tief im Wald versteckter Baumriesen jederzeit ändern. Auf Bäume zu klettern ist natürlich etwas anderes als das Bergsteigen. Was für uns zählt, ist in erster Linie die Entdeckung der Bäume, ihre Umgebung und das Ermitteln ihrer Größe."

© Laurent Pierron - EnQuête d’ArbresDer imposante White Knights

 

Wollt ihr ein Topo der höchsten Bäume der Welt erstellen?

"Es gibt kein Topo und das ist gut so. Die Tatsache, dass wir uns auf einem Lebewesen bewegen, bestärkt uns in der Überzeugung, dass es richtig ist, die Standorte der entdeckten Bäume nicht bekannt zu geben, um sie zu schützen und zu verhindern, dass man Vergnügungsparks aus ihnen macht. Sie sind schutzbedürftig und bei unseren Besteigungen gehen wir gegenüber dem Baum so respektvoll wie möglich vor und hinterlassen möglichst wenig Spuren. So haben wir beispielsweise den Standort des im letzten Jahr in Borneo entdeckten Baumes nicht bekannt gegeben. Wir selbst wissen bis heute nicht, wo sich der Hyperion, der größte bekannte Baum unseres Planeten (ein Mammutbaum von über 115 Meter Höhe in den kalifornischen Wäldern) befindet.“


© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres 
Aufstieg vom White Knights

 

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das der Verein "EnQuête d’Arbres“ über die Jahre realisiert. Wie ist es bis heute verlaufen?

"Wir sind auf einige der größten bekannten Bäume geklettert, aber wir haben auch neue Bäume entdeckt, wie beispielsweise 2016 in Borneo. Die Bäume haben uns nach Australien, Malaysia, in die USA sowie nach Frankreich geführt. Die Liste der Länder ist lang: Tansania am Fuße des Kilimandscharo, Georgien, Portugal, Südamerika, Borneo und der Norden Kaliforniens mit seinen Mammutbäumen, die als höchste Bäume der Welt gelten. Die Reihenfolge der Liste spiegelt nicht unsere Vorlieben wider und ist mit Sicherheit nicht vollständig."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres In der Krone des Still Sorrow

 

Gibt es eine Verbindung zwischen diesen Messungen und der wissenschaftlichen Forschung?

"Es gibt spezielle Studien bezüglich der großen Bäume. Die Giganten stellen die Wissenschaft vor ein Rätsel: Wie schafft eine Pflanze es, eine solche Masse zu ernähren? Die größten Eichen Frankreichs im Wald von Tronçais haben ein Volumen von 35 m3. Der Still Sorrow in Tasmanien, auf den wir geklettert sind, hat ein Stammvolumen von 400 m3. Wie schaffen sie es, die Schwerkraft zu besiegen und hunderte Liter Wasser bis in die über 100 m über dem Boden befindlichen Blätter zu befördern? Wie reagieren Sie auf Unwetter? Wie passen sie sich dem Klimawandel an? Diese Bäume sind die größten Lebewesen der Erde und die Forschung in diesem Bereich befindet sich noch im Anfangsstadium, sie bergen noch sehr viele Geheimnisse. Durch unsere Aktionen tragen wir zur Listung dieser Bäume bei und durch eine erneute Messung kann auch das potenzielle Wachstum innerhalb einiger Jahre beobachtet werden."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Still Sorrow, der größte bekannte Laubbaum der Welt, 400 m3

 

Können Sie uns etwas über Ihr Netzwerk erzählen?

"Der Personenkreis der Baumpfleger und -kletterer ist nicht sehr groß. Veranstaltungen wie z.B. Wettkämpfe und Konferenzen geben uns die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen und unsere Position als „Reisende Baumpfleger“ erleichtert den Austausch mit diesem Personenkreis. Der Beruf des Baumpflegers bietet eine schier unerschöpfliche Quelle an Techniken. Wir bewegen uns in drei Dimensionen. Im Gegensatz zu Seilzugangstechnikern, die überwiegend in der Vertikalen arbeiten, bewegen wir uns in allen Teilen der Baumkrone. Dieser spezielle Kontext erfordert viel Einfallsreichtum und wir müssen ständig Lösungen für verschiedene Probleme finden, beispielsweise um uns auf einem biegsamen Ast mit einem Durchmesser von wenigen Zentimetern zig Meter über dem Boden fortzubewegen. Gleichgewicht reicht nicht. Wir müssen eine Kombination aus Slackline und Seilen installieren."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Klettern im White Knights

 

Wie findet ihr „euren“ Baum mitten in einem Wald?

"Die Suche beginnt im Internet, um Wälder ausfindig zu machen, die für ihre großen Bäume bekannt sind. Einige mit wissenschaftlichen Projekten oder mit der Aufnahme des Waldbestands beauftragte Personen informieren uns über Entdeckungen, die für uns interessant sein können. Manchmal haben wir die präzisen GPS-Koordinaten des Baumes, in diesem Fall reicht es auf eine Karte zu schauen. Zuweilen können uns die Einheimischen präzisere Angaben zu den Gebieten machen und uns bei unserer Suche behilflich sein. Vor Ort klettern wir so hoch wie möglich auf den Baum und entdecken von seinem Wipfel aus einen anderen, noch höheren Baum. Mithilfe eines Kompasses ermitteln wir dessen Standort, klettern nach unten und machen uns wieder auf den Weg. Das Schwierigste ist es, von unserem in Europa üblichen Verfahren zur Höhenbestimmung Abstand zu nehmen, denn es ist sehr problematisch, die Höhe eines Baumes in einem Wald mit bloßem Auge einzuschätzen, vor allem, wenn die Bäume über 60 Meter hoch sind. Manchmal benutzen wir ein Lasermessgerät am Boden, um eine präzisere Einschätzung der Höhe zu erhalten und zu entscheiden, ob es sich lohnt auf den entdeckten Baum zu klettern."

Welche Messungen führt ihr durch: Höhe, Länge der Äste, Stammdurchmesser?

"Wir begnügen uns damit, die Höhe zu messen, denn die Baumstämme haben oftmals Ausmaße, deren präzise Messung mehrere Arbeitsstunden in Anspruch nehmen würde. Ausgenommen in Europa, wo die Bäume „normalere“ Ausmaße haben, messen wir die Höhe, den Durchmesser 1,30 m über dem Boden sowie den Mittendurchmesser, um dann das Volumen des Stammes zu berechnen."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Im Herzen des Rulha Longastyle

 

Wie messt ihr die Höhe eines Baumes?

"Es ist ein komplexes Unterfangen, den höchsten und den tiefsten Punkt zu finden. Eine Messung kann mehrere Stunden dauern und es kommt nicht selten vor, dass wir sie wiederholen. Der Fuß des Baumes ist der mittlere Abstand zwischen dem tiefsten Punkt Holz/Boden und dem höchsten Punkt Boden/Holz. Die Baumfüße haben einen riesigen Durchmesser und befinden sich oftmals am Berghang, was den Messvorgang besonders mühsam macht. Der höchste Punkt ist einfacher, erfordert aber eine gute Beobachtung zur Bestimmung des obersten Astes. Es ist oftmals eine schwierige Kletterei, um in die dicht verzweigten Wipfel aufzusteigen. Nach Ermittlung dieser beiden Punkte wird eine genaue Messung mit dem Maßband durchgeführt. Das Maßband muss absolut vertikal sein, ansonsten muss der Winkel korrigiert werden. Erstaunlicherweise existiert ein kompletter Artikel von Wikipedia in englischer Sprache zu diesem Thema."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres 
Messung

 

Wie gelangt ihr in die Wipfel der Bäume?

"Für den Beginn des Aufstiegs stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: Werfen von Hand, Werfen mithilfe der slingLine (Wurfbeutelschleuder) oder die Armbrust. Die endgültige Wahl hängt von der Architektur des Baumes und seiner Umgebung ab. Das Einbauen der Seile kann mitunter sehr zeitaufwendig sein. Für die Besteigung des Centurion (höchster bekannter Laubbaum der Welt) haben wir für 100 Meter vier Stunden gebraucht.
Die Armbrust ermöglicht den Einbau eines Seil in 80 Meter Höhe, aber auch das ist keine Garantie dafür, dass die Installation schnell über die Bühne geht. Mit der Armbrust erfolgt der Einbau des Seils folgendermaßen: Wir befestigen eine Angelschnur am Pfeil der Armbrust, die danach durch eine Reepschnur aus Dyneema© mit größerem Durchmesser ausgetauscht wird. Diese ermöglicht dann den Einbau unseres Zugangsseils. An diesem Zugangsseil klettern wir unter Anwendung der Single Rope Technique (SRT) nach oben. Auf dem Wipfel angelangt verfügt jeder Kletterer über einen Doppelstrang, um sich in der Baumkrone zu bewegen."

© Laurent Pierron - EnQuête d’ArbresArmbrust vs. Wurfsack

 

Und was passiert oben?

"Zum Messen des oberen Teils des Baumes müssen wir auf Äste von sehr geringem Durchmesser (oftmals unter 5 cm) klettern, um der Spitze des Baumes so nahe wie möglich zu sein. Dies erfordert einige Sicherheitsvorkehrungen. Die Erfahrung und die Kenntnis des Holzes ermöglichen es uns, geeignete technische Lösungen anzuwenden. Auch hier gibt es Ähnlichkeiten mit dem Bergsport, dem Eisklettern.
Wir platzieren unsere Anschlagpunkte zum Sichern und zur Fortbewegung systematisch in vertikaler Richtung, um auf den Druck des Holzes einzuwirken. Wie beim Eisklettern müssen wir auf die richtige Positionierung der Anschlagpunkte achten, um im Falle eines Sturzes das Bruchrisiko zu begrenzen. Außerdem ist es wichtig, die Festigkeit beim Aufsetzen der Füße richtig einzuschätzen. Beim Klettern achten wir darauf, Hände und Füße richtig zu positionieren, um einen ausreichenden Druck zu gewährleisten und so das Bruchrisiko zu reduzieren. Das Messen im Wipfel des Baumes ist praktisch der einzige Moment, in dem wir einen Sturz riskieren. Ansonsten bewegen wir uns im Baum immer am Seil und mit einem über uns errichteten Anschlagpunkt fort. Um diese ungewöhnliche Situation zu meistern, behalten wir immer einen an einer tieferen Stelle platzierten Anschlagpunkt an einem Ast mit großem Durchmesser und klettern entweder mit Selbstsicherung oder durch Sicherung im Vorstieg durch einen Nachsteiger. Oben angekommen positionieren wir uns mit einem Verbindungsmittel. Ein Sturz in dieser letzten Etappe könnte schwere Folgen haben, da der Kletterer in diesem Fall unweigerlich auf die unter ihm befindlichen Äste aufschlagen würde."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres In der Krone des Rulha Longastyle

 

Verbessert ihr eure Techniken bei diesen Spezialeinsätzen?

"Das Klettern in derart hohen Bäumen verlangt, dass wir die Komfortzone verlassen und die Möglichkeiten der Ausrüstung maximal ausschöpfen. Wir müssen in der Lage sein, viele Vorgänge mit wenig Material auszuführen und einen optimalen Kletterplan erstellen. Auf der anderen Seite lernen wir durch Vorgänge, mit denen wir nicht besonders vertraut sind, wie beispielsweise der Umgang mit einer Armbrust, bei jedem Einsatz etwas dazu und werden effizienter."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Besteigung des Still Sorrow

 

Welche Ausrüstung verwendet ihr bei euren Einsätzen?

"Sowohl beim Freizeitklettern als auch beim Arbeiten benutzen wir speziell auf unsere Aktivität zugeschnittene Baumpflegeprodukte (SEQUOIA-Gurt, ZIGZAG, ZILLON, unterschiedliche Anschlageinrichtungen wie z.B. Kambiumschoner, Schlingen und natürlich Karabiner). Und selbstverständlich haben wir Stirnlampen zum Übernachten im Baum dabei. Viele Produkte aus dem Sportbereich sind auch für unsere Aktivität geeignet. Die Wahl wird in erster Linie vom Gewicht und Volumen bestimmt, weshalb wir bei unseren Expeditionen lieber den METEOR-Helm nehmen als den ALVEO VENT, der normalerweise für die Baumpflege verwendet wird. Die in den letzten Jahren auf den Markt gekommenen leichteren Ausführungen von BASIC, CROLL und PANTIN sind wie geschaffen für unsere Expeditionen. Das PIRANA-Abseilgerät wird besonders wegen seiner Anpassbarkeit an verschiedene Seildurchmesser und aufgrund seines geringen Gewichts geschätzt."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres Still Sorrow in der Nacht...

 

Sind diese Erkundungen auch ein menschliches Abenteuer?

"Es handelt sich in erster Linie um ein menschliches Erlebnis, ein Erlebnis unter Kameraden. Wir ergänzen uns nicht nur in technischer Hinsicht, uns vereint auch eine gemeinsame Idee. Dies verleiht uns Kraft für unsere Expeditionen, die immer mit Überraschungen und Schwierigkeiten verbunden sind. Wir können von Glück sagen, dass wir uns begegnet sind und "EnQuête d'Arbres“ gegründet haben. Von dem Moment an, wo wir am Flughafen einen Kaffee trinken bis zu dem Zeitpunkt, wo wir uns tief im Wald im Regen verirren, bewahren wir uns ein Gefühl der Leichtigkeit, ein tiefes Einverständnis und eine gemeinsame Motivation.
Bei manchen Expeditionen nehmen wir Verbindung zu den Kletterern vor Ort auf. Sie unterstützen uns, helfen uns in praktischen Fragen und stellen uns zuweilen auch Material zur Verfügung. In einigen Ländern wie beispielsweise in Kamerun oder in Malaysia gibt es den Beruf des Baumpflegers nicht. Aber auch hier kennen die Menschen den Wald und können uns behilflich sein und uns Informationen über außergewöhnlich große Bäume geben. Mitunter müssen wir uns auch damit abfinden, alleine zurechtzukommen."

© Laurent Pierron - EnQuête d’Arbres 
Von links nach rechts:  Jérémie Lemaitre, Jérémie Thomas und Laurent Pierron

 

Ein paar Worte zum Verein "EnQuête d’Arbres"? 

Der Verein "EnQuête d'Arbres" wurde von zwei leidenschaftlichen Baumkletterern, Laurent Pierron und Jérémie Thomas, gegründet. Ihm gehören etwa ein Dutzend der besten Baumkletterer aus allen Teilen der Welt an. Die ursprüngliche Idee der Initiative war, auf die höchsten Bäume der Welt zu klettern: Shorea in Asien, Kosipo in Afrika, Mammutbaum in Amerika, Tanne in Europa, Eukalyptus in Australien… Im Laufe der Zeit wurde die Aktivität auf wissenschaftliche, botanische, entomologische Aufgaben usw. ausgeweitet. "EnQuête d'Arbres" begleitet Wissenschaftler, die in den Kronen tropischer Bäume arbeiten, und organisiert Ausbildungen für sie."

 

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