Keine Angst haben, sich weh zu tun
"Ich liebe das Klettern in jeder Form, wende mich seit ein paar Jahren jedoch mehr dem Klettern von Bigwall-Routen zu. Ich hätte mir nie träumen lassen, eines Tages von meinem Sport leben zu können. Als Kind wollte ich Schäferin oder Ägyptologin werden. Ich fühlte mich zum Unbekannten, zum Abenteuer und zu wild lebenden Pflanzen und Tieren hingezogen, so gesehen ist mein jetziger Lebensstil eigentlich nicht verwunderlich. Wenn ich klettere, konzentriere ich mich auf den Augenblick, die Zukunft beschränkt sich auf den nächsten Griff. Ich vergesse meine Sorgen, vergesse mich selbst und habe das Gefühl, mit dem Fels zu verschmelzen. Diesen Aspekt liebe und brauche ich. Ich finde ihn auch in anderen Aktivitäten wieder, wie z.B. beim Yoga, beim Schreiben oder bei der Gartenarbeit. Das Leben erscheint plötzlich so einfach. Beim Klettern fühle ich mich gut. Ich bin gerne draußen in der geschützten Natur, hier finde ich mein inneres Gleichgewicht. Mich reizt die Vielseitigkeit der Aktivität, Bouldern; Klettern an abgespecktem Fels oder der Aufbruch zu einer Expedition. Es kommt nicht oft vor, dass ich gleichzeitig mit den Felswänden auch eine andere Kultur entdecke. Ein Leben würde nicht ausreichen, um alle Facetten des Klettersports zu erkunden.
Klettern ist auch ein gute Schule, um Demut zu lernen. Ich versuche, meine Aufmerksamkeit nicht auf die Schwierigkeitsbewertung zu fixieren sondern darauf, was eine Route von mir verlangt oder was ich von ihr lernen kann. Ich fühle mich zu Kletterstilen hingezogen, die ich nicht beherrsche und die mir immer wieder das Gefühl geben, ein Anfänger in diesem Sport zu sein. Dadurch bleibe ich motiviert und neugierig. Letztendlich sind es oftmals Kinderträume, die sich konkretisieren oder Träume, die möglich werden, wenn du genügend Erfahrung gesammelt hast, um sie zu verwirklichen. Das trifft auch auf den Trango Tower zu. Ich habe schon als junge Wettkämpferin davon geträumt, aber dieser Traum hat sich erst einige Jahre später, nachdem ich mich ernsthaft mit dem Klettern im Gebirge befasst habe und mehr am Granit geklettert bin, erfüllt."
Natur und...
"Ich laufe viel und nehme mir dabei Zeit, um die Natur zu beobachten, nach Vögeln Ausschau zu halten und Tierspuren im Schnee ausfindig zu machen.
"Ich habe das Glück in den Hochalpen, am Fuße der Mauer von Céüse zu leben. Ich gebe zu, es ist mein Lieblingsort zum Klettern natürlich, aber vor allem wegen der Lebensqualität in der Umgebung von Gap. Die Gegend ist relativ unberührt, sie ist kaum verstädtert und hat abwechslungsreiche Landschaften zu bieten. Diese Qualitäten liebe ich auch im Verdon. In Céüse bin ich jedes Frühjahr auf Neue entzückt über das in der Felswand herrschende Treiben. Die Wand ist eine wundervolle Heimstatt für die Vögel und es macht mir Spaß, sie zu beobachten. Ich gehe davon aus, dass wir wie die Vögel die Erde nur gepachtet haben. Es ist kein Problem für mich, auf eine 8a zu verzichten, in der Vögel nisten. Es ist interessant, eine Alpenkrähe dabei zu beobachten, wie sie in einer Mulde ihre Jungen füttert oder dem Tanz der Schwalben zuzusehen, wenn sie hinter dem Wasserfall oder in der Biographie-Wand ihre feinen Nester aus Erde bauen. Eine andere Region, die mir am Herzen liegt, ist Taghia in Marokko, das ich wegen seiner Landschaften und der Menschen dort liebe. "Ich fahre jedes Jahr seit 8 Jahren nach Taghia. Ich habe dort ein paar sehr liebe Freunde gewonnen und kann mich auf Berberisch verständigen, wodurch meine Reisen noch interessanter werden."
Literatur...
"Ich lese seit meiner Kindheit. Ich habe Literatur studiert und mich eingehend mit gewissen Autoren befasst. Ich habe viele Klassiker gelesen, aber auch moderne Romane und vor zehn Jahren war mein Spezialfach die Reiseliteratur (Ella Maillard, Bruce Chatwin, Alexandra David-Néel usw.). Mir gefallen die Reiseberichte von Sylvain Tesson. Heute lese ich kaum noch Romane und habe eine Vorliebe für die Poesie entwickelt: Valérie Rouzeau, Philippe Jaccottet, Michel Jourdan, Yves Bonnefoy, Bashô, Emilie Dikinson, Henri Michaux usw. Den stärksten Eindruck hat bei mir das Buch "Die Erfahrung der Welt" von Nicolas Bouvier hinterlassen. Sein Stil berührt mich und ich mag seine Art, sich in seinen Schriften zurückzunehmen, um das Land, das er bereist und die Leute, denen er begegnet, in den Vordergrund zu stellen. Wenn ich dieses Buch lese, möchte ich so leicht sein wie eine Seifenblase und um die Welt fliegen. In diesem Jahr hatte ich für kurze Zeit mein Studium wieder aufgenommen, um an Bouvier zu arbeiten, aber ich habe mich von den Prosawerken Gionos über die Memoiren von Simone de Beauvoir und die Essays von Montaigne, Henri Miller und Kenneth White bis hin zur Philosophie von Nietzsche treiben lassen. Letztendlich habe ich keine einzige Zeile geschrieben, aber interessante Bekanntschaften gemacht. Ich habe keinen Mentor sondern nur Schriftsteller, von denen einige bereits seit eintausend Jahren nicht mehr unter uns weilen, in denen ich mich erkenne und deren Fragen Ähnlichkeit mit meinen haben, die aber unendlich besser formuliert sind und mir das Gefühl geben, einer Gemeinschaft des Geistes anzugehören."
Ich habe keine wirkliche Devise, aber...
"Wenn ich mich zu hyperaktiv oder unzufrieden mit meinem Tag fühle, rufe ich mir gerne diesen schönen Satz von Montaigne in Erinnerung: "Ich habe heute nichts getan. Wie? Hast du nicht gelebt? Das ist nicht nur die wichtigste, sondern auch die rühmlichste deiner Beschäftigungen."