«Dieses Leben führe ich nun seit acht Jahren. Die Zeit vergeht und ich bin mittlerweile zur Gruppenleiterin aufgestiegen. Ich arbeite jeden Sommer drei oder vier Monate lang mit einem Team von sechzehn Pflanzern. Ich habe viel freie Zeit, um das zu tun, was ich am meisten liebe.
Das Klettern ist im Laufe der Jahre mehr als nur ein Sport für mich geworden. Alles was ich tue, scheint einen Bezug zum Klettern zu haben: die Saisonarbeit, die ich anfänglich gewählt hatte, um mehr Zeit zum Klettern zu haben, die Reisen, die ich gemacht habe. Heute kann ich mir ein Leben ohne den Klettersport nicht mehr vorstellen. Ich glaube, dass es wichtig ist, in der Gegenwart zu leben und den Augenblick zu genießen. Es ist klar, dass die meisten von uns altern und man auch daran denken muss, aber dass sollte nicht unser ganzes Leben beherrschen. Das Klettern gibt mir die Möglichkeit, jeden kleinsten Moment auszukosten. Es hilft mir, mich darauf zu konzentrieren, was ich tue. Im Herbst klettere ich soviel wie möglich, um wieder in Form zu kommen. Wenn dann der Winter kommt, kehre ich häufig in die kanadischen Rocky Mountains zurück, um von der langen Saison im Eiskletterparadies mit seinen fantastischen Bergen zu profitieren.»
Eine wesentliche Erkenntnis in meinem Leben
«SEIN ist wichtiger als BESITZEN.
Ich bin ohne großen materiellen Besitz glücklich.
Von der Kletterausrüstung abgesehen...»
Das Gefühl lebendig zu sein
«Ich hatte immer das Bedürfnis, im Freien zu spielen. Meine Eltern hatten sogar im Winter, wenn es kalt war, Schwierigkeiten, mich im Haus zu behalten. Als ich 1999 mit dem Felsklettern anfing, habe ich die Empfindungen, die mir dieser neue Sport bescherte, sofort geliebt. Im Freien sein, sich auf jeden Moment konzentrieren, mir aller Dinge bewusst sein, die mich umgeben. Es scheint mir, als wenn alles, was ich vorher in meinem Leben unternommen habe, dazu beigetragen hat, eine Kletterin aus mir zu machen. Als ich auf der Universität war, musste ich im Winter in der Halle klettern. Eine Zeit lang habe ich Gefallen daran gefunden, aber nach einem Jahr hatte ich das Bedürfnis, regelmäßig im Freien zu klettern. Deshalb habe ich mit dem Eisklettern begonnen und konnte so mein Bedürfnis zu klettern und in der freien Natur zu sein, während des langen kanadischen Winters stillen. Ich bin sehr schnell süchtig danach geworden. Ich musste ein neues Terrain erkunden und neue Techniken erlernen. Ich liebe es, morgens früh aufzustehen, noch halb schlafend bei Dunkelheit loszufahren und Musik zu hören, den Zustieg mit der Stirnlampe zurückzulegen und zuzusehen, wie die Sonne langsam aufgeht, während ich unten an der Route ankomme. Nichts in meinem Leben gibt mir mehr das Gefühl, lebendig zu sein als das Eisklettern. Ich bin von der ersten bis zur letzten Bewegung vollkommen konzentriert, nehme die Geräusche meines Eisgeräts und meiner Steigeisen und alles, was um mich herum ist, wahr. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich am Abend zu essen mache. Ich werde so und so nicht rechtzeitig zu Hause sein. Es ist ein zugleich friedvolles und intensives Gefühl. Natürlich frage ich mich zuweilen, wenn ich mir an einem Stand den Po abfriere, wenn ich an einer zugigen Stelle hänge oder wenn nach einer kalten Woge plötzlich das Blut wieder in meine Finger zurückkehrt, was ich an diesem Sport so liebe. Zum Glück vergesse ich das alles sehr schnell, wenn ich einen Blick auf die Umgebung werfe. Ich fühle mich so klein inmitten dieser gigantischen, verschneiten Berge. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich hier sein und tun darf, was ich gerade mache.»
Bäume pflanzen
«Meine Hobbys außer dem Klettern sind Snowkiten, mit Holz arbeiten, lesen, Filme gucken und Eis essen. Allerdings nimmt meine Arbeit einen großen Teil meines Lebens in Anspruch. Von April bis Juli bin ich für ein Team von kräftigen Pflanzern verantwortlich. Zusammen pflanzen wir ungefähr 30.000 Bäume pro Tag. Die Tage dauern fast 15 Stunden und da bleibt mir keine Zeit mehr zum Klettern. Aber ich liebe meine Arbeit und genieße die kurze Kletterpause.»
Meine Lieblingsorte
«Ich reise gerne in die nördlichen Gebiete Kanadas. Die Menschen sind sehr stolz auf den Ort, an dem sie leben. Es scheint, als würde die Zeit langsamer vergehen und als bekäme alle Menschen leuchtende Augen, wenn sie über ihr Land reden. Ein anderer Lieblingsort von mir ist der Nepal. Die Menschen aus dem Khumbu-Tal beeindrucken mich enorm. Sie tragen und bauen alles mit ihren Händen. Sie verlassen Lukla für mehrere Tage, um Früchte in ihre Dörfer zu bringen. Ich war von ihrer mentalen und körperlichen Stärke ebenso beeindruckt wie von den gigantischen, endlosen Bergen, von denen sie umgeben sind. Ich könnte auch Island dazu zählen, denn es ist ebenfalls ein fantastisches Land. Als ich zusammen mit Inès Papert dort war, hatten wir großes Glück mit dem Wetter und konnten klettern, so viel wir wollten. Wir haben sogar 1000 m vertikales Eis an einem Tag gemeistert. Aber wenn ich mich wirklich für einen einzigen Ort entscheiden müsste, würde ich Norwegen sagen. Ich denke mit Freude an meinen Aufenthalt im Februar 2008 mit Guy Lacelle, Mathieu Audibert, Chris Alstrin und Alex Lavigne zurück. Das Timing war perfekt, es gab viel Eis zum klettern. Das Fahren entlang der Fjorde, durch Tunnel, die Berge rauf und wieder runter. Dank der Erfahrung von Guy, der uns an die richtigen Orte führte und uns mit seiner positiven Energie ansteckte wurde es ein fantastisches Erlebnis. Das Eis war traumhaft und wir haben wohl einige Erstbesteigungen gemacht (jedenfalls glauben wir das). Was diese Reise aber von anderen unterscheidet sind die Personen, mit denen ich unterwegs war. Mit den richtigen Menschen zusammen zu sein, ist heute für mich wichtiger als das Ziel.»