France

Liv Sansoz

Liv Sansoz - photo © Evrard Wendenbaum
  • 12 Februar 1977
  • Savoie (Frankreich)
  • Master 2 Forschung auf dem Gebiet der Neurokognition und sozialen Kognition, staatliche geprüfte Kletterlehrerin
  • Sportklettern
  • 1994

Leidenschaft, über sich selbst hinauswachsen, Demut, Begegnung und Achtung vor den Bergen
«Ich möchte meine Leidenschaft ausleben, Träume haben, sie verwirklichen und mit anderen teilen in der Hoffnung, andere Klettererinnen und Kletterer zu inspirieren. Wenn ich eine Idee habe, setze ich sie um. Ich mache die Dinge gründlich, setze mich voll ein. Meine Hauptaktivität? Klettern, aber im Plural: Klettern an abgespecktem Fels, Bergsteigen, Bouldern usw. Ich liebe die unterschiedlichen Herangehensweisen und die Vielfalt. Klettern gibt meinem Leben einen gewissen Sinn. Es ist der Motor für meine Motivationen und gewisse Wünsche. Klettern ist eine ausgezeichnete Schule fürs Leben. Es ermöglicht mir, zu leben und besondere Momente mit anderen zu teilen, unheimlich interessante Menschen kennen zu lernen und mich ständig weiterzuentwickeln.
Klettern hat so viele Gesichter! Ich liebe vor allem die Freude, die mir das Klettern an sich bereitet, dies mit Menschen zu teilen, die das Gleiche mit der gleichen Intensität erleben. Und dann die Schönheit. Die Schönheit der Linie, die Schönheit der Bewegung, die Schönheit des Kampfes, den du mit dir selbst führst, um eine Route zu meistern. Und schließlich das Gefühl frei und vom Schicksal begünstigt zu sein. Klettern ist ein besonderer Sport, der dir alles abverlangt und für den du dich mit deiner ganzen Kraft einsetzen musst. Mit gefällt das Konzept des "Aufbaus". Bei Punkt A aufbrechen, um über eine Reihe von Etappen (B, C, D usw.), bei denen es sich um bereichernde Erfahrungen handelt, nach Punkt Z zu gelangen. So funktioniere ich. Auch wenn es vorkommen kann, dass ich Zweifel hege oder mich von meinem Konzept entferne, gibt es immer wieder Zeichen und Wünsche, die mich dahin zurückführen. Und wenn ich eine Idee im Kopf habe, halte ich mich daran und setze mich entschlossen dafür ein.»

In Verbundenheit mit der Natur, in der ich aufgewachsen bin
«Wir haben in Frankreich viele bedeutende Klettergebiete, angefangen von Bouldergebieten über klassische Routen im Gebirge bis hin zu fantastischen abgespeckten Felsen. Mit Fontainebleau, dem Verdon, den Tarn-Schluchten und anderen Gebieten mit ausgezeichnetem Fels und wunderbaren Routen sowie den alpinen Routen von Chamonix, les Ecrins im Oisans usw. sind die Möglichkeiten schwer zu überbieten. Ich persönlich habe eine engere Beziehung zu den Bergen, wo ich lebe und geboren bin, als zu einem Klettergebiet. Meine Vorfahren stammen aus demselben Tal, mit dem ich tief verwurzelt bin. Ich spüre eine gewisse Verbundenheit mit der Natur, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe das Gefühl, Teil ihrer Bäume zu sein, die Steine in den Wildbächen zu kennen und spüre das Wohlwollen der Berge, die mich umgeben. Ich habe das Gefühl, eins zu sein mit der Natur und kein hinzugefügter Fremdkörper. Das Gleiche gilt für die Menschen. Ich kenne viele Einwohner von Bourg-Saint-Maurice von den Großeltern bis zu den Enkelkindern. Deshalb stehe ich den Veränderungen, die dem Tal zugefügt werden, auch nicht gleichgültig gegenüber: die Probleme in Bezug auf die Stadtentwicklung, die Einrichtung neuer Skilifte und Pisten, welche die Berghänge zerstören, Kunstschnee und Menschenmassen im Winter.»
 
 
Weitergabe von Erfahrungen
«Ich interessiere mich von Natur aus für den Menschen. Ich möchte gerne verstehen, wie wir funktionieren. Ich lerne gerne von anderen und von mir selbst und ich lerne einfach gerne zu lernen. Ich lasse mich gerne überraschen und durch Interaktionen, Gespräche und deren Wirkungen mitreißen. Manchmal wird mir durch eine einfache Begegnung etwas Elementares in meinem Leben bewusst. Ohne diese Begegnung hätte ich Jahre dafür gebraucht. Anfangs waren meine Fragen vorwiegend auf die Performance gerichtet. Wie kann es sein, dass dieser eine Kletterer gewinnt und jener andere niemals das Ziel erreicht, obwohl sie beide das gleiche körperliche, technische und taktische Niveau haben? Mit der Zeit hat sich mein Interesse gewandelt und betrifft den Menschen insgesamt. Es ist sehr wichtig für mich, bestimmte Dinge an aufstrebende junge Leute weiterzugeben. Auf meine Art an ihrer Entwicklung mitzuwirken. Bei anderen das Verlangen zu erwecken, ihren Traum auszuleben, neue Neigungen zu entdecken und ihnen eine gewisse Energie zu übermitteln. Dies geschieht oftmals stillschweigend. Und dann erhalte ich eines Tages einen Brief, eine E-Mail oder ich sehe einen Menschen wieder, der sich bei mir bedankt, weil ich vor einem Jahr, vor drei oder vor zehn Jahren etwas gemacht oder gesagt habe, das bei diesem Menschen einen Wunsch oder eine Motivation geweckt hat. Es ist ein tolles Gefühl. Darum bemühe ich mich, wenn ich mit einem jungen Menschen an seiner Performance, d.h. an seiner mentalen Vorbereitung arbeite. Ich begleite ihn bei seinem Vorhaben Leistungssportler zu werden, aber ich versuche auch, ihm einen Schlüssel für sein künftiges Erwachsenenleben an die Hand zu geben. Das ist sehr bereichernd.»
 
 
Innere Kraft und Energie
«Es gibt dir innere Kraft, wenn du fühlst, dass du etwas in dir trägst und du es mit Entschlossenheit, Willenskraft und Fantasie umsetzt. Sich vorstellen, dass die Dinge möglich sind und in der Lage sein, alles dafür einzusetzen, dass sie verwirklicht werden. Diese innere Kraft ist eine Art von Energie, ein Fluidum.  Und Energie ist alles. Sie ist die Grundlage jeden Handelns, jeder Emotion, jedes Wunsches und Traumes. Sie ermöglicht uns das zu tun, was wir tun möchten. Unsere Energie stimuliert und stützt uns bei allem, was wir tun. Ich hätte fast Lust, das Wort "Mission" zu benutzen. Ich lebe meine Energie wie etwas, das untrennbar mit meiner Mission verbunden ist. Aber da wird es schwierig, noch weiter zu gehen.»
 
 
Inspiration, Lebenserfahrung, Träume, Reisen
«Ich lese gerne Geschichten über die Berge, Romane und philosophische Werke. Als Jugendliche haben mich die Tagebuchaufzeichnungen "Les carnets du Vertige" und die Hauptperson Louis Lachenal tief beeindruckt. Er hat mich nachhaltig inspiriert. Ich bewunderte seinen reinen und starken Charakter. Aber das ist nicht alles. Ich spürte, dass unter seiner harten Schale ein Mann mit einer gewissen Demut, einer gewissen Haltung steckte. Hinter seiner körperlichen Kraft und seiner Charakterstärke verbirgt sich etwas sehr Schönes. Außerdem mag ich seine draufgängerische Art: keine Zeit verlieren beim Zustieg, nicht zu viele Fragen stellen, wenn du auf ein Hindernis triffst, sich den Schwierigkeiten stellen, im richtigen Augenblick und bestmöglich auf eine Situation reagieren... So sehe ich ihn jedenfalls. Wie beim Lesen gewisser Bücher, gibt es auch Reisen, die keinen großen Eindruck hinterlassen. Und es gibt Reisen, die dich fürs Leben prägen. Ich glaube, dass alles eine Frage der Begegnung zu einem bestimmten Zeitpunkt in deinem Leben ist. Und wieder das Wort Begegnung. Begegnung mit einem Land, mit den Menschen in diesem Land, mit sich selbst... Eine bestimmte Reise zu einem bestimmten Zeitpunkt deines Lebens hat nicht den gleichen Reiz und auch nicht die gleiche Wirkung, als wenn du sie drei Jahre früher gemacht hättest. Das gilt auch für Bücher. Damit die Begegnung funktioniert, müssen auch andere Dinge stimmen: unsere Energie, unser Verlangen, den Dingen und den Menschen aufgeschlossen gegenüber zu stehen... Unter diesem Aspekt muss man nicht unbedingt in die Ferne reisen.»

picto plus Bedeutende Leistungen

Wettkampf
- Erster Platz im Schwierigkeitsklettern bei der Weltmeisterschaft 1996. "Die Wettkämpfe der Weltmeisterschaften fanden in mehreren Etappen überwiegend in Europa statt. Ich galt als Außenseiterin, die in der Lage ist, gewisse Etappen zu gewinnen. Im Laufe der Wettkämpfe zeichnete sich mehr und mehr die Möglichkeit eines Gesamtsiegs ab. Ich musste unbedingt die letzte Etappe gewinnen und habe es geschafft"

- Weltmeisterin im Schwierigkeitsklettern 1997 in Paris (im Alter von 19 Jahren ) "Die Erinnerung an diesen Wettkampf hat einen starken Eindruck in meinem Kopf und meinem Herzen hinterlassen. Eine Weltmeisterschaft ganz gleich in welcher Disziplin zu gewinnen, ist eine einmalige Erfahrung. Und in Frankreich vor einem französischen Publikum zu gewinnen, hat diesem Sieg einen ganz besonderen Reiz gegeben"

- Erster Platz im Schwierigkeitsklettern bei der Weltmeisterschaft 1998

- Weltmeisterin im Schwierigkeitsklettern 1999 in Birmingham (GB) "Die Weltmeisterschaften werden alle zwei Jahre ausgetragen und dieser Sieg war mein zweiter Sieg in Folge. Natürlich war der Druck stärker und psychologisch gesehen war dieser Wettkampf nicht leicht zu meistern. Es war daher für mich eine große persönliche Befriedigung, dass ich es geschafft hatte, im entscheidenden Moment die maximale Leistung abrufen zu können"

- Erster Platz im Schwierigkeitsklettern bei der Weltmeisterschaft 2000. "Mein letztes Wettkampfjahr. Emotionell gesehen war es ein sehr reiches Jahr, in dem ich die meisten Superfinale gemacht habe. Auch wenn mich der Einsatz für den Wettkampf zeitweise von meiner Aktivität in der Natur entfernt hat, bleiben diese Jahre für mich eine fantastische Erinnerung. Die Teilnahme an Wettkämpfen dieses Leistungsniveaus ist eine ausgezeichnete Schule fürs Leben, ein Motor und eine Quelle unbeschreiblicher Emotionen"

Sportklettern
- Mount Charleston (Nevada, USA) "Hasta la Vista" (8c/c+) 2000. "Zu der Zeit waren wir nur zwei Frauen, die dieses Niveau erreicht hatten, Josune Bereziartu war mit gutem Beispiel vorangegangen. Hasta la Vista hat mir intensive Emotionen beschert"

Bouldern
- Hueco Tanks (Texas, USA) "Chablanke" (V12/8A), 2004

Bigwall-Klettern
- El Capitan (Yosemite, USA) "The Nose" "Ich hatte überhaupt keine Erfahrung, weder im Bigwall- noch im Spaltenklettern. Es war ein echtes Abenteuer mit viel Freude, Zweifel, Ermüdung und gemeinsamen Emotionen mit meinem Seilschaftspartner"

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picto video Videos

 
 
Video playlist featuring Liv Sansoz

Liv Sansoz climbing in Redriver Gorge - photo © Fred Labreveux

picto featured Liv und der Petzl-Team

«Der Sinn, die tiefer liegenden Werte meines Sports sind Begeisterung, über sich selbst hinauswachsen, Demut, die Begegnung mit und die Achtung vor den Bergen... Ich glaube, dass diese Werte nicht nur von den Kletterern sondern von allen Mitgliedern des Petzl-Teams geteilt werden. Ich möchte meine Leidenschaft ausleben, Träume haben, sie verwirklichen und sie mit anderen teilen in der Hoffnung, andere Kletterinnen und Kletterer zu inspirieren. Durch das Team kommen wir uns näher und können alle zusammen mehrmals im Jahr an bestimmten Events teilnehmen. Außerdem haben wir die Möglichkeit, die Bekanntschaft mit Sportlern aus anderen Bereichen (Expeditionen, Höhlenforschung, Trailrunnung usw.) zu machen und andere Aktivitäten zu entdecken. Ich persönlich fühle mich mehr einer PETZL-Familie als einem Team zugehörig.»