Eine kleine Gruppe des Petzl-Teams ist  mit einem Ueli Steck im wohlverdienten Ferienmodus nach Colorado gereist, um am Ice Festival von Ouray teilzunehmen. Nicht weit davon gab es mindestens zwei gute Gründe, sich auf eine Begegnung mit dem berühmtesten Oktopoden der Rocky Mountains einzulassen. Wir wollten erstens seinem in Boulder lebenden Erschließer einen Höflichkeitsbesuch abstatten und zweitens endlich diese legendäre Route wiederholen.

Guillaume Vallot berichtet --

Octopussy © Guillaume Vallot
Mathieu Maynadier bei der Rotpunkt-Begehung der Octopussy.

 

Jeff Lowe verschiebt die Grenzen des Mixedkletterns in der "Octopussy"

Avril 1994(!), eine Fotoserie sorgt für Verblüffung in der vertikalen Welt. In Gore Tex gekleidet und mit Steigeisen und Eisgeräten von Charlet Moser ausgerüstet klettert der Bergsteiger an einem Dach empor und versetzt die Welt in Erstaunen. Um einen kleinen freihängenden Eiszapfen zu erreichen, setzt Jeff Lowe die gleiche Technik wie beim Sportklettern ein. Die Grenzen des Mixed-Climbs werden derart verschoben, dass sie wie der Auftakt zu einer neuen Spielart anmuten, bei der das Eis nach und nach seinen Platz verliert und schließlich ganz verschwindet. Der passionierte Bergsteiger Jeff Lowe ist seiner Zeit weit voraus. Während seine  Begehungen der Ama Dablam-Südwand im alpinen Stil und der Metanoia Route in der Eiger-Nordwand die Standards in ihren jeweiligen Bereichen auf den Kopf stellen, gleicht die Octopussy – erste M8 in der Geschichte – einem Erdbeben. Selten hat ein Foto so viele Träume und Wünsche geweckt, so viele Perspektiven in Aussicht gestellt: die Verschmelzung von Bergsteigen und Eisklettern.

 

Ueli Steck klettert "Octopussy" zwanzig Jahre danach

Octopussy © Guillaume Vallot
Ueli Steck am Anfang der Octopussy, hinter The Fang (Peng!)

Auf den Tag genau zwanzig Jahre später hat Ueli Steck auf dem Weg zum Ouray Ice Festival Jeff Lowe, der seit zehn Jahren an der Parkinson-Krankheit leidet, einen Besuch abgestattet. Dann hat er einen Zwischenstopp von eineinhalb Tagen beim Amphitheater in Vail eingelegt, das seit dreißig Jahren ein Versuchsgelände des Mixekletterns ist und wo sich das Ziel dieses Trips - die Octopussy - befindet.

 

Beim Abstieg seiner Onsight-Begehung erzählt Ueli Steck von der Route:

Als ich die Fotos von Octopussy sah, war ich gerade mal 18 Jahre alt. Ich habe die Bilder noch deutlich im Kopf. Für mich gehörte diese Route seinerzeit zu den Unberührbaren, ich konnte mir nicht vorstellen, jemals so etwas klettern zu können. Ich war bereits als Bergsteiger unterwegs, hatte schon den Eiger bestiegen, aber ich stand noch am Anfang des Eiskletterns mit Kunststoffschuhen. Wenn du so etwas siehst, wirst du hellwach! Auch wenn es im Augenblick unmöglich war, hat mich diese Idee vorangetrieben und mich zum Trainieren motiviert. Octopussy gehört zu den legendären Routen, die ich unbedingt irgendwann in meinem Leben klettern wollte. Es ist keine besonders harte Route, aber sie ist ein Teil der Geschichte. Das gefällt mir. Als ich das Amphitheater sah, war ich von der Weiterentwicklung des Sektors überrascht.

Octopussy © Guillaume Vallot
Das Amphitheater von Vail von rechts gesehen mit The Fang in der Mitte - mit Erwan Le Lann

Er ist vollkommen eingerichtet (außer Bohrhakenschrauben zum technischen Klettern) und es gibt Routen bis zum Schwierigkeitsgrad M13. Octopussy ist eine sehr schöne Route. Der Beginn ist recht hart, in überhängendem Fels geschützt von drei Bohrhakenschrauben, du musst kleine, ungewisse Kanten finden. Anschließend kommen zwanzig Metern dünnes Eis, eine 1993 realisierte Länge mit dem Namen The Seven's Tentacle, die ursprünglich mit WI6+ bewertet wurde. Am Stand zwei Bohrhakenschrauben. Dann eine einfache Querung, um sich einer vagen Verschneidung im Dach zu nähern. Du hängst zwei Felshaken mit drei Fixierungspunkten ein und kannst zusätzlich einen Friend anbringen.

Octopussy © Guillaume Vallot
Ueli Steck klettert Octopussy onsight

Octopussy © Guillaume Vallot
Ueli Steck klettert Octopussy onsight

Dann kommen drei körperlich sehr anstrengende Bewegungssequenzen über dem Abgrund, bevor du die Füße aufs Eis stellen kannst. Das ist eine heikle Stelle. Bei der Onsight-Begehung habe ich nach der richtigen Seite für den Aufstieg gesucht. Anfangs dachte ich von links, aber schließlich kletterte ich wie der Erschließer seinerzeit von rechts. Das Manteln erwies sich als schwierig, denn das Eis ist dünn und die Tentakel sind sehr kurz... Danach ist es vorbei, aber obwohl die schwierige Phase recht kurz ist, präsentiert diese fantastische Länge viele Variationen. Du willst die Onsight-Begehung auf keinen Fall vermasseln und du umklammerst die Eisgeräte etwas stärker als nötig. Jeff hatte eine unglaubliche Willenskraft. Er hat enorme Sachen gemacht. Ich denke, dass er seiner Zeit wirklich voraus war. Er hat nie einen Gedanken an die geschäftliche Seite der Berge verschwendet, das Einzige, was ihn interessierte, war das Klettern. Er war durch und durch ein leidenschaftlicher Bergsteiger. Wenn du ihn siehst, sagst du dir, dass du alle Chancen nutzen musst, solange du die Möglichkeit dazu hast. Es kann so schnell zu Ende sein. Du spürst, dass er noch immer ein Teil dieser Welt ist. Seine Courage ist eine fabelhafte Lektion für mich, die mich mit großem Respekt erfüllt.
 

Octopussy © Guillaume Vallot
Erwan Le Lann klettert den gut geformten Eisfall „The Fang“, im Hintergrund Mathieu Maynadier auf dem Gipfel der 7'th Tentacle vor Beginn der Octopussy Querung.

Octopussy © Guillaume Vallot
Dem amerikanischen Mixed-Climb geht es gut danke, Jennifer Olson Eine der talentierten Vertreterinnen des Sports in voller Aktion.

 

En savoir plus