Chris Sharma war in den letzten Wochen in Céüse, um neue Routen zu klettern und einzurichten. Wir haben zum Ende seines Aufenthalts mit ihm gesprochen und ihm ein einige Fragen gestellt.
 

Chris Sharma climbing in Céüse - © LafoucheWas hast du in der letzten Zeit gemacht Chris?
Ich lebe noch immer in Katalonien (Spanien) und habe in letzter Zeit an vielen verschiedenen Projekten gearbeitet. Um Fortschritte beim Klettern zu machen, ist es wichtig, dass ich motiviert bleibe und den Eindruck habe, neue Dinge in Angriff zu nehmen, mich nicht auf meinen Lorbeeren auszuruhen... Es war für mich ein tolles Jahr, in dem ich neue Seiten des Klettersports entdeckt habe. Meine Erfahrungen im Sportklettern konnte ich beim Klettern von Mehrseillängenrouten nutzen. Ich habe an mehreren Mehrseillängenrouten gearbeitet: Eine davon ist nicht weit von unserem Haus entfernt und die andere in Mallorca. Das alles ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Es war ein großer Anreiz, etwas in Angriff zu nehmen, das einerseits neu ist und doch Ähnlichkeit hat mit dem, was ich bisher gemacht habe. Es motiviert mich, meiner Karriere als Kletterer eine neue Dimension zu geben und trotzdem weiterhin an Sportkletterprojekten zu arbeiten.

Wenn du den Klettersport dein ganzes Leben lang betreiben willst, kommt es darauf an, dass du immer wieder eine neue Motivation findest. Der Fortschritt ist ein Kernfaktor: versuchen besser zu werden und schwierige Routen zu bewältigen. Das Interessante für mich beim Klettersport ist, dass wir nicht nur Fortschritte machen, indem wir härtere Routen klettern, sondern auch unsere Erfahrungen erweitern, indem wir andere Regionen entdecken und neue Routen eröffnen. Die Erstbegehung einer Route und die Entdeckung einer neuen Linie geben dir das Gefühl, einen riesigen Schritt nach vorne zu machen, auch wenn es nicht die schwierigste Route ist, die du bisher bezwungen hast. Du hast dennoch das Gefühl, etwas zu lernen und gewisse Fortschritte zu machen.
 
   

Bereitest du dich auf Mehrseillängenrouten anders vor als bei kürzeren Routen?
 

Ich habe noch sehr viel über den Ablauf beim Klettern bestimmter Mehrseillängenrouten zu lernen. Das Einrichten und Ausrüsten einer neuen Route ist viel komplizierter, weil du dich hoch über dem Boden befindest und eine Route von 7 Seillängen im Wesentlichen 7 Kletterrouten entspricht: Das Einrichten neuer Linien erfordert daher eine andere Logistik und nimmt viel mehr Zeit in Anspruch. Und die Begehung der Route setzt eine weitaus komplexere Strategie voraus.
 
Nach meinem Empfinden sind diese beiden Kletterstyle komplementär. Nachdem ich einige Tage in Mehrseillängenrouten geklettert bin, habe ich erneut große Lust, mich wieder meinen Projekten von einer Seillänge zuzuwenden. Ich werde einige sehr schwierige Projekte angehen, die an meine Grenzen stoßen und im Schwierigkeitsgrad von 9b+ liegen. Es ist nicht einfach, diese Motivation immer aufrechtzuerhalten und sich an derart schwierigen Bewegungssequenzen zu versuchen. Daher ist es wichtig, mehrere Eisen im Feuer zu haben und etwas zu klettern, das auf eine andere Art schwierig und motivierend ist.
 

Chris Sharma is bolting a new project in Céüse - Face de Rat - © Lafouche
Chris richtet eine neue Linie im Sektor Face de Rat - Céüse, Frankreich - ein © Lafouche

 
Sind schwierige Mehrseillängenrouten der nächste Schritt in die Zukunft des Klettersports?
In meinen Augen ist die Übertragung der beim Sportklettern gemachten Erfahrungen auf Mehrseillängenrouten eine natürliche Entwicklung des Klettersports. So ähnlich wie beim Bouldern: Ich war viele Jahre lang auf das Bouldern fixiert und habe die turnerischen Bewegungssequenzen beim Sportklettern umgesetzt. Dies ist eine ähnliche Entwicklung: sich das Erlebte zunutze machen, alle diese Erfahrungen miteinander verschmelzen lassen und sie für etwas Neues einsetzen. Das ist eine echte Herausforderung für mich. Es ist wichtig, sich an allem zu versuchen und seine Herangehensweise an den Klettersport ständig neu zu definieren. Nachdem ich mich mehrere Jahre lang nicht mehr auf das Bouldern konzentriert habe, genieße ich es nun, wieder etwas mehr Zeit damit zu verbringen und meine Begeisterung für diesen Sport wieder aufleben zu lassen. Das Bouldern ist das Kernstück des Schwierigkeitskletterns: Ich glaube, der Wiedereinstieg in das Bouldern ist für mich die richtige Lösung, um Fortschritte zu machen, meine Körperkraft zu trainieren, von allem etwas zu machen, zu versuchen, meine Ideen und meine Motivation umzusetzen, so dass es nie langweilig wird.
 
Du willst also wieder mehr Bouldern?
Zu den Aspekten, die mir beim Bouldern besonders gefallen, zählt die Spontaneität. Du hast die Kletterschuhe im Rucksack, das ist alles. Es ist faszinierend. Das Klettern von Mehrseillängenrouten erfordert sehr viel mehr Planung. Beim Bouldern reizt mich das Spontane, du kannst hingehen, wo du willst. Allerdings sind die Boulder mittlerweile so hoch und die Landungen so folgenschwer, dass du zeitweise 10 oder 15 Crashpads für einen Block benötigst. In diesem Fall ist es weitaus weniger aufwendig, einen Rucksack mit der Kletterausrüstung mitzunehmen und mit einem Seil zu klettern. Es kommt darauf an, das richtige Maß zu finden.

 

Chris Sharma in his new project in Céüse - © LafoucheWie sieht es in Spanien aus, wo derzeit viele der harten Routen durchstiegen werden?
Ich habe den Eindruck, dass sich die strategischen Kletterorte alle zehn bis fünfzehn Jahre verlagern. Vor fünfzehn Jahren war Südfrankreich das Mekka des Klettersports. Seit einigen Jahren hat es sich nach Spanien verlagert, das zu einer echten Kletterdestination geworden ist. Es hat etwas Besonderes. Als ich begonnen habe, in Katalonien zu klettern, habe ich vor etwa 6 Jahren Dani Andrada kennen gelernt. Ich wollte unbedingt an Orten wie Siruana und Margalef klettern und die Möglichkeiten in anderen Felswänden wie Oliana und Santa Linya erkunden. Es kommen so viele Leute, dass die Motivation immer wieder neue Nahrung findet. Für mich ist das sehr gut, denn wenn Kalifornien mir auch zuweilen fehlt und meine Heimat weit weg ist, sehe ich meine Freunde und meine Familie öfter als früher, weil ich jetzt ein Zuhause habe. Wir bekommen viel Besuch und von September bis Mai haben wir immer Freunde zu Besuch.
 
Wo sind zur Zeit deine Lieblingsspots in Spanien?
Wir verbringen viel Zeit an Orten wie Margalef und Oliana, und einige neue Spots reizen mich ebenfalls. Aber die Rückkehr nach Céüse erinnert mich daran, warum ich diesen Felsen so liebe. Es ist wirklich der perfekteste Felsen, den ich je geklettert bin. Weißt du, es gibt einfach keinen besseren Ort als der, an dem du dich gerade befindest. Du musst dich einfach auf das, was du tust, konzentrieren und die richtige Motivation finden.
 
 
 
Wie sehen deine Pläne für den Sommer aus?
Von Céüse aus kehren wir für kurze Zeit nach Spanien zurück und dann fliegen wir zur Retailer Outdoor Messe nach Salt Lake City. Danach habe ich mein Jugendcamp. Ich mache dieses Camp mit meinen Freunden aus Yo! Wir gehen ungefähr 10 Tage mit einer Gruppe von Jugendlichen zum Bouldern nach Bishop. Es ist immer sehr nett und eine gute Gelegenheit, mit meinen Freunden, die dieses Camp organisieren, eine schöne Zeit zu verbringen. Ich freue mich jedes Jahr darauf. Ich werde etwa einen Monat in Kalifornien verbringen, meine Familie besuchen, Kontakt mit meinen Sponsoren aufnehmen und im September, wenn die Hitze in Europa nachlässt, wieder nach Spanien zurückkehren. Ich freue mich darauf, einige Mehrseillängenrouten und gewisse Routen in Oliana auszuarbeiten. Und im November geht es dann zum Petzl RocTrip nach Argentinien. Das wird ein tolles Jahr.

 Daila Ojeda climbing 8a+ in Céüse - © Lafouche
Daila Ojeda in einer 8a+ in Céüse - © Lafouche
 

Eine Botschaft für die Jugend?
Ich möchte junge Leute aus aller Welt, die seit mehreren Jahren klettern oder gerade mit dem Klettern beginnen, anspornen und ihnen raten, ihre Begeisterung auszuleben. Klettern bedeutet für mich, gute Routen zu finden und nicht um jeden Preis hohe Zahlen zu erreichen. Worauf es ankommt, ist vor allem deine Erfahrung und dass dir das Klettern Spaß macht. Ich würde ihnen empfehlen, aufzubrechen und alle tollen Routen zu klettern, die sich ihnen bieten. Der Klettersport bietet einzigartige Möglichkeiten auf diesem Gebiet. Das Klettern ist mehr als ein Sport, es ist eine Lebensform. Du kannst reisen, unzählige wunderschöne Orte sehen und viele nette Menschen kennen lernen. Ich glaube, dass wir uns glücklich schätzen können, dieser Disziplin anzugehören.
 

 
 Stay tuned for the video of Chris trying is new project! - © Lafouche
 
Bleibt dran und seht euch im Video an, wie Chris seine neue Route einrichtet und ausarbeitet!
 
 
 

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