Philippe Batoux im Yosemite: b-Variante

Flughafen Genf, Anfang Oktober 2013... Philippe Batoux reist in Begleitung einiger Mitglieder des Bergsteigerteams des FFME [französischer Berg- und Kletterverband] zum Yosemite-Nationalpark. Während des Praktikums sollen sie sich im Setzen von Klemmkeilen perfektionieren und das technische Klettern entdecken. Es dient als Vorbereitung einer für 2015 geplanten technischen Expedition auf einen 6000 Meter hohen Gipfel in China oder Alaska. Sie haben ein intensives Programm vor sich: Sie sollen die legendäre Wand des El Capitan „en libre“ klettern, anschließend eine Route technisch klettern und schließlich die Begehung des „Half Dome“ und der „Nose“ in weniger als 24 Stunden bewältigen. Aber der Shutdown macht ihnen einen Strich durch die Rechnung! Philippe Batoux berichtet von den Begehungen ihrer b-Variante...

© Philippe Batoux

 

Der "Shutdown"

Da sich Republikaner und Demokraten nicht auf eine Schuldenobergrenze einigen konnten, befinden sich über Nacht alle Staatsbediensteten, mit Ausnahme des „lebenswichtigen“ Personals, in Zwangsurlaub.    
Sämtliche Nationalparks werden unverzüglich geschlossen. Im Yosemite brüllt ein Ranger am Fuße des El Capitan in seinen Lautsprecher: "Der Park ist geschlossen, Sie haben maximal 48 Stunden Zeit für den Abstieg“. Das Undenkbare, Unvorstellbare ist eingetreten. Ich frage mich, was ich gemacht hätte, wenn ich gerade in einer Wand geklettert wäre. In vielen Wänden ist ein Abstieg nicht möglich.    
Wir müssen uns ein neues Programm außerhalb der Nationalparks ausdenken. Für die "High Sierra" ist es zu spät. Es ist zu kalt in dieser Jahreszeit, der Schnee ist bereits da und wir sind dafür nicht ausgerüstet.

 

Magie und Hexerei...

© Philippe Batoux

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Wir fahren weiter zum südlichen Rand der Sierra Nevada, zu den Needles von Kalifornien: fantastische Granitnadeln in leuchtenden Gelbtönen. Die Needles sind auf dem Deckel des Buches "50 favorite routes of North America" abgebildet. Ein vielversprechendes Erlebnis, auch wenn diese Felsnadeln auf der anderen Seite des Atlantiks nicht bekannt sind. Sie tragen alle Namen von Hexen und Zauberern: Sorcerer, Witch, Magician, Necromancer, Warlock. Sie stellen eine magische Klettertour in Aussicht…
Das Klettern in den Needles ist sehr technisch mit engen Rissen und kleinen Tritten, geschlossenen Verschneidungen, in die wir uns klemmen und unter Verrenkungen klettern müssen, technischen Platten mit sehr schwierigen Abschnitten, in denen du keine Stelle zum Anbringen eines Friends verpassen darfst, sonst bekommst du es wirklich mit der Angst zu tun. Die Linien sind klar und der Fels tadellos mit stellenweise einigen dünnen Schuppen, die Zweifel an ihrer Solidität aufkommen lassen, die aber letztendlich nicht weggebrochen sind.   
Zu kletternde Linien: "Thin Ice" 5.10, "Don Juan" 5.11, "Romantic Warrior" 5.12 (reichlich Offset-Klemmkeile vorsehen!), "Pyromania" 5.13… 

 

© Philippe Batoux

© Philippe Batoux

 

 

"Indian Creek"  

Auf den Needles ist Schneesturm angesagt, es wird Zeit, in die Wüstenlandschaft von Utah zu reisen. Nach zehn Autostunden, was für amerikanische Verhältnisse ganz normal ist, erreichen wir Moab, die Hauptstadt der roten Wüste, des Mountainbike und der perfekten Risse im Sandstein. Tanken, eine Mahlzeit bestehend aus Eiern und Speck, 1 Stunde Fahrt und wir sind in Indian Creek, der Hochburg des Risskletterns.

Indian Creek ist ein kleiner Fluss am südlichen Eingang von Canyonlands, gesäumt von „Mesas“, den berühmten roten Sandsteintürmen aus den Western von John Wayne. Zig Kilometer Felswände und alle 5 Meter Risse in allen Größen. Im Klettertopo sind über 2000 Risse verzeichnet und zahlreiche Täler sind nicht einmal vermerkt!  Birdbeak, Finger, Ringlock, Hand, Faust, Offwidth, Squeeze, Kamin: Es ist für jeden Geschmack etwas dabei! Indian Creek ist der ideale Ort, um sich im Rissklettern zu perfektionieren. Hier gibt es außer Rissen keine Griffe, du musst lernen zu klemmen, „to jam“, wie sie hier sagen. Wenn die Größe stimmt, geht alles gut, schwierig ist das Klettern in Zwischengrößen, z.B. zwischen, Hand- und Faustrissen. Unmöglich sind Risse, die zu klein sind, um die Finger hineinzustecken. In ein und derselben Linie können die Schwierigkeiten stellenweise von einem Kletterer zum anderen je nach der Größe seiner Finger und seiner Hände vollkommen unterschiedlich sein. In der Regel klettern die Mädchen mit dem roten Camalot, die für große Hände ungeeignet sind. und fallen in die blauen, die Spezialität der großen Hände…
Indian Creek ist ein kritisches Gebiet, das sich auf Privatgelände befindet. Ein Verein namens „Friends of Indian Creek" verwaltet das Klettergebiet und überwacht die Ausrüstung der Standplätze. Hier sind nur die Standplätze eingerichtet und das Ausrüsten einer Sportkletterroute ist nicht gestattet.

 

© Philippe Batoux

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"White Rim Road"

Nach 3 Klettertagen an fotogenen, aber nicht leicht zu kletternden Rissen erfahren wir, dass die Nationalparks in Utah, finanziert von der Regionalregierung, wieder öffnen. Wir machen uns auf den Weg zur White Rim Road. Eine 100 Meilen lange Piste im Canyonlands Nationalpark entlang der weißen Sandstein-Kante. Drei Tage lang klettern wir an Türmen oberhalb der  Straße: Monster Tower, Washer Woman, Moses und darunter der Standing Rrock. Wir ziehen an Hunderten Kilometern fantastischer Felsen, Tausenden von potenziellen Kletterrouten vorbei.

Die Türme der Wüste sind ein Klettervergnügen in unberührter Natur. Abschnitte in gutem Fels wechseln sich ab mit sandigen Abschnitten, wo trotz des geringen Schwierigkeitsgrads voller Einsatz gefragt ist. Der Sandstein kann gut haften aber auch extrem glatt sein. Wenn er verwittert, rollen die Sandkörner  wie Kugellager unter den Kletterschuhen und Fingern. Nur sehr komprimierte Risse bieten sichere Griffe.

Der unglaublichste Turm ist der „Standing Rock“. Er befindet sich im „Monument Basin“, einem riesigen Absenkungsgebiet des Plateaus. Hier gibt es nur noch wenige Türme, eine Mischung aus Schlamm und verschiedenen farbigen Sandsteinschichten. Der Standing Rock ist ein etwa einhundert Meter hoher Turm bestehend aus mehr oder weniger konsistenten Schlamm- und Sandschichten.  Er scheint die mechanischen Eigenschaften von Festkörpern auf den Kopf zu stellen. Ein einzigartiges Klettererlebnis an einem einzigartigen Ort.

© Philippe Batoux

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Am Moses, dem letzten Turm der "White Rim Road" am Ende des Taylor Canyon begegnen wir Steph Davis, die nach Primerose Dihedral schneller zum Boden zurückkehrt, als die Vernunft erlaubt. Zwei Monate nach dem Tod Ihres Mannes springt Sie wieder mit dem Wingsuit. Es ist wirklich eine harte Droge.
Ein Ranger des Nationalparks, der sie springen sah, will unseren Geländewagen nach einem Fallschirm durchsuchen, da er uns für Base Jumper hält. Die Franzosen stehen hier in keinem besonders guten Ruf, was das Einhalten von Regeln angeht.

Zusammen mit Renaud  klettere ich die "Pale Rider". Die Route ist schwierig und der letzte Abschnitt mit weißem und sehr glattem Sandstein unsicher. Ich rutsche mit Füßen und Händen gleichzeitig und werde von einem verkabelten Mikrofon, das ich nicht für so solide gehalten hätte, aufgefangen. 

 

"Shutdown is over"

Am Fuße des Turms erfahren wir, dass der Shutdown beendet ist. Hamburger, Pommes, Dusche und dann auf nach Yosemite. 14 Stunden Fahrt. Wir haben noch eine Woche.

 

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