Begegnung mit Industriekletterern, ein Beruf aus Leidenschaft 

Industriekletterer sind Experten für Höhenarbeit, Arbeiten über dem Abgrund, schwer zugängliche Bereiche und eingeschränkte Platzverhältnisse. Sie müssen die Zugangs- und Fortbewegungstechniken am Seil perfekt beherrschen. Für diesen Beruf werden mehrere Ausbildungen angeboten (z.B. in Frankreich das CQP, Qualifikationszeugnis für Berufskletterer). Industriekletterer aus der ganzen Welt tragen unablässig zur Entwicklung innovativer Techniken für die Fortbewegung und zur Absturzsicherung bei. Das Know-how der Industriekletterer (Ausbildung, Diplome, Erfahrung) hätte allerdings ohne die entsprechenden Kompetenzen in den traditionellen Berufen (Maurer, Klempner, Schweißer, Maler, Glaser usw.) wenig Sinn.

PROFIL © LafoucheÉPICURE © LafoucheHYDROKARST © Lafouche

 
 
 
Gespräch mit François Ranise, Geschäftsführer und Gründer der Firma PROFIL, einem in Marseille (Frankreich) ansässigen Fachbetrieb für Höhenarbeiten
 
PROFIL école Saint Georges (Marseille) © Lafouche
 

"Als ich 1993 die Firma PROFIL gründete, war ich bereits seit einigen Jahren als Industriekletterer tätig und wollte maximal ein oder zwei Personen beschäftigen. Angesichts der Entwicklung des Marktes sah ich mich jedoch veranlasst, die Aktivität weiter auszubauen und eine Unternehmensstrategie zu entwickeln. Die Voraussetzungen für eine nachhaltige Performance des Unternehmens waren ein ausgewogenes Personalmanagement und strenge Sicherheitsmaßnahmen.
 
Ursprünglich waren wir auf städtische Gebäude spezialisiert und haben unsere Kompetenzen im Laufe der Zeit auf die Industrie ausgeweitet. Die durch die MASE-Zertifizierung (Handbuch zur Verbesserung der Sicherheit im Unternehmen) festgeschriebenen Auflagen waren eine große Hilfe, um den Betrieb zu strukturieren. Seilunterstützte Arbeiten in der Industrie sind besonders vielseitig und anspruchsvoll. Der Industriekletterer muss schnell, effizient und sicher reagieren. Ein Beispiel, im Jahr 1997 wurden wir von einem Kunden mit der Innenreinigung eines 90 m hohen Kessels, in dem sich Kesselstein angesammelt hatte, beauftragt. Wir haben sämtliche Mitarbeiter des Betriebs in Tages- und Nachtschichten eingesetzt und für alle Einsatzkräfte neue Ausrüstungen (z.b. Atemschutzmasken mit Luftzufuhr) angeschafft. Kohäsion und Identität des Unternehmens entstehen in Momenten, in denen Sicherheit und Effizienz im Vordergrund stehen. Die Mitarbeiter werden zu einem Team zusammengeschweißt und die gesammelten Erfahrungen können später wieder angewendet werden.
Wir betreiben heute sehr komplexe Baustellen, wie beispielsweise die komplette Instandsetzung einer 145 m hohen Hochfackel in Martigues. Für das Unternehmen bedeutet dies einen Produktionsstillstand von drei Wochen und für uns mehr als 2000 Stunden Arbeit (Epoxy-Lackierung, Instandsetzung der Überstiege und Rückenschutzsysteme, Auswechseln von Rohrleitungen, Abspannseilen und Fackelköpfen, Instandsetzung des Beleuchtungssystems, Kontrolle der Schweißnähte).

Außerdem sind wir auch auf Großbaustellen tätig. In diesem Bereich haben wir beispielsweise die Sanierung von Betonabplatzungen am gesamten Gebäudepark eines Vermieters von Sozialwohnungen (10 000 Laufmeter in 18 Monaten) übernommen und den Bau einer 13 Tonnen schweren Brücke in den Verdon-Schluchten ((Provence, Frankreich) ausgeführt."

 

  • Seilunterstützte Zugangstechnik?

PROFIL école Saint Georges (Marseille) © Lafouche

"Wenn wir die Anfrage eines Kunden erhalten, führen wir zunächst eine Risikoanalyse durch, um die sicherste Zugangstechnik auszuwählen. Dann erfolgt die Aufgabenstellung für die Arbeiten im vertikalen Bereich, eine präzise Organisation der einzelnen Arbeitsphasen und Rollen jedes Mitarbeiters, ein speziell auf vertikale Bereiche zugeschnittenes Problemmanagement wie z.B. die Beförderung von Ausrüstung und der sichere der Einsatz von Werkzeugen. Die unterschiedlichen Bedingungen der Arbeitsplätze verlangen spezielle, auf die Baustelle zugeschnittene Fachkompetenzen, spezielle Techniken für seilunterstütztes Arbeiten und für den Einsatz der Ausrüstung.
PROFIL beschäftigt heute 50 Industriekletterer, die entsprechend ihren fachlichen Kompetenzen in Teams auf unterschiedlichen Baustellen zum Einsatz kommen (Industrie, städtische Gebäude, Befestigung von Felswänden)."

 

  • Ausbildung und Teamgeist

"Jeder Industriekletterer ist zunächst für seine eigene Sicherheit verantwortlich und behält gleichzeitig auch die Sicherheit der anderen im Auge. Seit 1996 lassen wir unsere Mitarbeiter als Berufskletterer ausbilden. 2008 haben wir beschlossen, in Übereinstimmung mit der Qualibat 1452 Zertifizierung auf unseren Baustellen nur noch Industriekletterer zu beschäftigen, die über ein Qualifikationszeugnis für Berufskletterer verfügen (50 % von ihnen mit einem Abschluss Stufe 2). Damit genügen wir nicht nur der Anforderung, ausschließlich ausgebildete Mitarbeiter zu beschäftigen, sondern wir verfügen darüber hinaus auch über ein gemeinsames Sicherheitsregelwerk für seilunterstütztes Arbeiten. Die Ausbildungskosten machen bei PROFIL 5 % der Lohnsumme aus. Diese Vorgehensweise ermöglicht es dem Unternehmen, vorwärts zu kommen, sich der Nachfrage des Marktes anzupassen, neue Leistungen anzubieten und sie gibt jedem Einzelnen die Möglichkeit, seine fachlichen Kompetenzen und beruflichen Aussichten zu verbessern."

 

  • Stolz auf ihren Beruf!
Champion de France Cordiste 2013  Antoine Quidoz, HYDROKARST © Lafouche

Antoine Quidoz - HYDROKARST
Französischer Meister im Industrieklettern 2013

Champion de France Cordiste 2012, Yohan Garcia, PROFIL © Lafouche

Yohann Garcia - PROFIL
Französischer Meister im Industrieklettern 2012

Championnat de France  cordistes 2013 © Lafouche

Französische Meisterschaften im Industrieklettern 2013

Ein Team der Firma PROFIL nimmt an den französischen Meisterschaften im Industrieklettern teil. Sie erleben das Ereignis als eine Begegnung mit Berufskollegen, als Anerkennung eines Berufs mit einer stark ausgeprägten Identität, aber auch als Herausforderung zum Abschluss einer speziellen Trainingsperiode. Es ist auch eine Motivation, sich mit seinem Unternehmen zu identifizieren. Als Yohann Garcia 2012 zum französischen Meister gekürt wurde, waren bei dem Wettkampf ebenso viele Seilkletterer wie aus Marseille angereiste Anhänger zugegen. Neben den Teilnehmern werden die Resultate auch von der gesamten Belegschaft verfolgt.

 

 

Porträt von Saïd El Haddaoui, Industriekletterer

Saïd El Haddaoui, PROFIL © Lafouche

Saïd ist der betriebsälteste Mitarbeiter von PROFIL. Er hat im Alter von 17 Jahren im Betrieb angefangen zu arbeiten. Er beginnt seine berufliche Laufbahn als Maurer am Boden: Er bereitet die Ausrüstung und Werkzeuge vor und übernimmt das Anmischen, während François Ranise in der Höhe am Seil arbeitet. Sein Organisationstalent und seine Übersicht ermöglichen es ihm, die Firma PROFIL in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ihm wird die Zuständigkeit für das Lager, die Vorbereitung und Verfolgung der Ausrüstung, die Beschaffung der Baustellenlieferungen und die Organisation übertragen. Aber sein Bedürfnis, im Freien zu arbeiten, ist stärker als alles andere. Für seine ersten Versuche am Seil meldet er sich in einem Club für Höhlenforscher an und verbringt jedes Wochenende mit dieser Aktivität. Nach einer gewissen Zeit hat er seine Fähigkeit, sich am Seil fortzubewegen, unter Beweis gestellt und kann nun endlich mit der Ausbildung als Berufskletterer beginnen. Nach Abschluss der Ausbildung wird er Mitglied im Team der Industriekletterer. Er wird Baustellenchef für seilunterstützte Arbeiten an städtischen Gebäuden. Ein glücklicher Mann, der es schätzt, im Freien und so oft wie möglich mit Blick auf das Meer zu arbeiten.

"Sein Bedürfnis, im Freien zu arbeiten, ist stärker als alles andere!"

 

 

Gespräch mit Sandrine Baudoin, einer der wenigen Industrieklettererinnen in Frankreich

Sandrine Baudoin, PROFIL © Lafouche

 

"Die Regel lautet, es darf nichts dem Zufall überlassen werden."

"Ich arbeite seit drei Jahren als Industriekletterin bei PROFIL. Schon als Kind liebte ich den Nervenkitzel über dem Abgrund. Meine Begeisterung fürs Klettern, Wandern und für die Musik habe ich mir seit meiner Jugend bewahrt. Nach meiner Ausbildung im Umweltmanagement habe ich mein Lebensziel verwirklicht: im Freien tätig sein und mich körperlich verausgaben. Meine erstes Ziel war, nicht in einem Büro mit fünfzehn anderen Frauen vor einem Computer zu sitzen, also arbeite ich mit Männern und im Freien. Das Arbeiten im Freien ist für mich das wahre Leben, auch im Winter. Ich liebe die manuelle Arbeit und die Leistung, die mein Beruf mir abverlangt. Ich liebe es, jeden Tag etwas Neues im Bereich des Bauwesens und neue Tricks in der Seilzugangstechnik zu lernen. Jede Baustelle ist anders."

 
 
PROFIL © Lafouche
PROFIL © Lafouche
PROFIL © Lafouche

PROFIL - VILLA MEDITERANEE - Région Provence Alpes Côte d'Azur - Marseille - Architecte : BOERI Studio - Milano © Lafouche

     

 

Baustellenbeispiele

  • Sicherungsbaustelle - Grundschule St Georges in Marseille – April 2013

PROFIL © LafouchePROFIL © Lafouche

 

Anbringen von Sicherheitsnetzen in einer Wohnanlage aufgrund des Risikos eines herabstürzenden Geländers an der Fassade eines 60 Meter hohen und 50 Meter langen Gebäudes. Der Kunde ist der Verwalter der Wohnanlage.
Die Südwestseite des Gebäudes ist in schlechtem Zustand. Die salzhaltige Seeluft hat den Beton angegriffen, Betonteile lösen sich und es besteht die Gefahr, dass sie auf den Schulhof der darunter liegenden Schule stürzen. Bis zur Fassadenrenovierung muss die Gebäudeseite durch ein Sicherheitsnetz geschützt werden. Die Teile dieses Netzes werden an tief im Gebäude verankerten Drahtseilen befestigt. Die Aufgabe besteht darin, die Verankerungen einzurichten und die Drahtseile zu befestigen und dann das Netz zu heben und anzubringen. Die Kommunikation mit den Wohnungseigentümern, die für diese Arbeiten bezahlen mussten und denen der Blick vom Balkon versperrt wurde, war alles andere als einfach. 
Auf der Baustelle waren fünf Industriekletterer tätig. Heute morgen sind nur Saïd und Eric zur Stelle, der Rest des Teams wurde zur Fensterreinigung der Villa Méditerranée (Programm Marseille 2013) abberufen.

 

  • Fensterreinigung - Villa Méditerranée in Marseille (Frankreich), April 2013


PROFIL - VILLA MEDITERANEE - Région Provence Alpes Côte d'Azur - Marseille - Architecte : BOERI Studio - Milano © Lafouche

Die Villa Méditerranée liegt auf Meereshöhe. Zur ihrer Architektur gehört ein imposanter Freivorbau über einem Salzwassergraben. Es gehört zum guten Ton, wenige Tage vor der Einweihung die Außenfenster zu putzen. Ein aus den drei Industriekletterern Sandrine, Fred und Allain bestehendes Team ist für die Arbeit angerückt. Hin und wieder bringen diese Art von Einsätzen etwas Abwechselung ins Tagesgeschäft der Industiekletterer. Die Fensterreinigung ist ein Spezialbereich. Der Einsatz von Schwamm und Abzieher erfordert eine besondere Technik, um ein tadelloses Ergebnis zu garantieren. Die Arbeit an imposanten Gebäuden mit eindrucksvollem Design ist ein Glücksfall für jeden Industriekletterer.
Auf dem Dach des Gebäudes angekommen nimmt Fred die großen vertikalen Fensterflächen des Südgiebels in Angriff, während sich Sandrine und Alain am westlichen Gebäudeteil direkt über dem Salzwassergraben an die Arbeit machen. Am Dachrand werden ein Geländerseil und Anschlagpunkte zum Befestigen der Seile installiert. Nach der Fensterreinigung müssen die Industriekletterer wieder aufsteigen, da der Abstieg nicht möglich ist. Die Organisation der Anschlagpunkte ist ausschlaggebend, um bei der nächsten Installation der Seile keine Zeit zu verlieren.

 

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